Der Welt meine Form geben

Benedikt Steiner kommt mit rosa Pulli, Haube und fünf Minuten Verspätung in das Espresso in der Burggasse. Die Verspätung ist legitim, immerhin hat das eigentlich vereinbarte Lokal noch zu. Kann ja nicht jeder schon um zehn Kaffee servieren. Aber frisch und munter geht es los. Immerhin geht es um eine neue Serie.

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Steiner wirkt auf den ersten Blick als könnte er ein x-beliebiger Student sein. Seine Serie "Never the Same" zeigt einen Blick auf Details, der nicht unbedingt dem Standard entspricht. Ihm geht es darum, das Auge aufs Detail zu lenken. "Es  ist zwar jeweils dieselbe Papierrolle, aber immer mit einer anderen Abrissform. Ich möchte in dieser Serie einen alltäglichen, meist unbemerkten Formprozess sichtbar und dadurch das Nebensächliche zur Hauptsache machen".

steiner03Das Schema ist auch bei anderen seiner Bilder sichtbar. Zwar mit unterschiedlich ausgeprägten Ähnlichkeiten, aber doch einem stringenten Motiv dahinter. Da spielt wohl auch einer seiner zentralen Ansätze eine Rolle: "Fotografie ist für mich vor allem ein sinnlicher Vorgang. Ich finde ein Bild und trage es mit mir herum, bis ich dann eher unbewusst ein formal oder inhaltlich Ähnliches dazu finde“.

Das Suchen nach den Ähnlichkeiten und gemeinsamen Formen ist für Steiner ein Kernpunkt seiner Bilder. Er gestikuliert viel beim Erzählen, deutet auf die Details auf den Fotos hin. Die Zigarette verqualmt derweil unbeachtet im Aschenbecher. Steiner ist viel zu sehr im Erzählfluss, um noch daran zu denken.

 

DIE FORM IST ALLES
Fotografie ist aber nicht sein einziges künstlerisches Betätigungsfeld. Auch bei plastischen Arbeiten experimentiert er mit den Ähnlichkeiten von Formen und wie man ungewohnte Materialien anders verwenden kann. Gut, schließlich hat er in Luzern Materialdesign studiert. Da spielt man sich schon mal ein bisschen damit, wie Dinge ungewohnt verwendet werden können. Das kann im Alltag wenig sinnvoll erscheinen, aber in der Kunst zu spannenden Ergebnissen führen.

steiner02Die Serie "Embossed" ist eine von Steiners Arbeiten, die auch schon ausgestellt worden ist. Bei Freunden in Budapest, sagt er ganz lässig, als ob eine eigene Ausstellung etwas wäre, zu dem es so oder so irgendwann kommen muss.

Das Thema Form zieht sich durch, es prägt auch seinen eigenen Zugang zur Kunst: "Zur Kunst zu kommen war ein langer Prozess, in dem ich mich noch immer befinde. Es ist für mich ein Prozess, der Welt eine Form zu geben; meine Form. Es geht mir darum, die Begebenheiten nicht als gegeben hinzunehmen, sondern als Ausgangslagen für die eigene Formgebung“. Gleichzeitig spielt aber auch der Moment, das Hier und Jetzt eine Rolle. Und der Versuch mit Kunst alles Erlebte einzufangen und zu vermitteln. Das Unmittelbare und Rohe sind Schlüsselwörter; auch mit seiner Ausdrucksweise ist er immer komplett im Hier und Jetzt. Kein Abdriften, kein Abschweifen, er hat seinen Fokus.

steiner01Steiner wählt seine Worte sorgfältig, er spricht durchdacht von Kunst, aber trotzdem flüssig und spontan. Kein Wunder, Sprache ist schließlich ein weiteres künstlerisches Betätigungsfeld für ihn. Vergangenes Jahr hat er aus Texten und Satzfragmenten der vier Jahre davor ein Buch gemacht, das selber produziert und unter dem Titel „Ein Leben an sich“ veröffentlicht. Abgesehen davon studiert er Sprachkunst an der Angewandten, seine ausgewählte Wortwahl ist vor dem Hintergrund nicht mehr halb so verwunderlich.

FREIHEIT IN DER KUNST
Die Vielfalt der Sparten macht es schwierig, auszumachen in welchem Feld Steiner am ehesten zu verorten ist. Es sind verschiedene, überlappende Bereiche, aber ihm geht es auch nicht nur um eine Art von Kunst. „Die Freiheit in der Kunst ist für mich, zu dem zu kommen, was ganz meines ist. Meine individuelle (Lebens-)Form, mein Blick auf die Dinge und schlussendlich meine Umarbeitung der vorgefundenen Welt“.

Es ist schwierig, nur nebenbei Kunst zu schaffen. Gleichzeitig kann aber nicht jeder, der Kunst macht, sofort davon leben. Steiner wirkt im Gespräch eher wie ein Stellvertreter für eine Generation mit einem neuen künstlerischen Zugang: Kunst spielt zwar eine große Rolle im Alltag und im eigenen Leben, es muss aber nicht gleich das Ziel sein, davon leben zu können. Dass er in jedem Bereich Kunst produziert, zeigt genau diesen Zugang. Kunst ist für Steiner alles, aber alles lösen kann sie doch nicht. Schließlich sagt er auch selbst, dass er oft nach Begriffen für Erlebtes sucht und nicht alles nur in Formen verarbeiten kann.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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