Hilma af Klint

In dem Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart in Berlin wird zur Zeit Großes ausgestellt.
Dies darf und soll man auch unbedingt im doppelten Sinne verstehen: denn seit dem 15. Juni 2013 wird eine umfassende Retrospektive vorgestellt, welche der schwedischen Künstlerin Hilma af Klint (1862 - 1944) gewidmet ist.

Zu Lebzeiten stellte Hilma af Klint lediglich ihre Porträts sowie Landschaftsbilder der Allgemeinheit vor. In ihrem Testament verfügte sie darüber, dass ihre gesammelten Werke erst 20 Jahre nach ihrem Ableben der Öffentlichkeit präsentiert werden dürfen. Hilma war der Annahme, dass ihre Mitmenschen zu damaligen Zeiten noch nicht in der Lage waren ihre Bilder exakt zu erfassen und sie richtig zu deuten. Da Hilma selber kinderlos blieb, wurden ihre Bilder lange Zeit bei ihrem Neffen und Erben aufbewahrt. Dieser machte die Kunstwerke für wenige Kunsthistoriker einige Zeit später zugänglich, woraufhin ihr gesamtes Schaffen von mehr als 1000 Werken und über 100 Notizbücher in die Hände der Hilma af Klint Stiftung in Stockholm übergeben wurden.

Davon kann man nun rund 200 ihrer Werke, von den großformatigen Leinwänden bis hin zu quadratisch kleinen Skizzen in der Berliner Ausstellung begutachten. Hilma af Klint wird gerne als "Pionierin der Abstraktion" betitelt, doch trotz ihres Beitrags zu der abstrakten Malerei, welcher gewiss nicht unbedeutend ist, einem breiten Publikum ist sie nicht bekannt. Schon in der Jugend kam sie mit der Kunst in Berührung und besuchte für zwei Jahre die schwedische Kunsthochschule. Sie gehört auch zu eine der ersten Malerinnen, welche an der Königlichen Akademie der freien Künste in Stockholm für fünf Jahre Malerei studieren konnte, da die Akademie einige Jahre zuvor auch für Frauen zugänglich gemacht wurde.

Schaut man sich die Hinterlassenschaft von Bildern an, welche Hilma der Nachwelt vermachte, so erkennt man einen klaren Hang zu Okkultismus sowie zu spirituellen Einflüssen. Die abstrakte Kunst war für Hilma eine besondere Form der Verarbeitung, da der frühe Tod ihrer Schwester für sie nicht leicht war. Bereits im Alter von zarten 17 Jahren beginnt sie an sogenannten "Séancen" teilzunehmen. Einige Zeit später fungiert sie innerhalb dieser spirituellen Treffen selbst als Medium. Durch Edvard Munch, vielen bekannt durch "der Schrei", findet Hilma Zugang zu einer Malerei fern ab von naturalistischen Ausdrucksformen. Sie ist stetig auf der Suche nach einer geistigen Dimension, welche sich nur schwer fassen lässt und wohl am ehesten in ihren Bildern zu einem würdigen Ausdruck gelangt.

Ein gutes Stichwort: Ihre Bilder; steht man erst einmal vor ihnen, so entfaltet sich eine ganz eigene Magie, zieht einen in den Bann und man muss zwei Schritte zurück treten, um die Gesamtheit und die Komplexität zu erfassen. Hilma wollte mit ihren Werken ein erweitertes Verständnis der Welt erschaffen und es wirkt fast, als wollte sie es somit selber auch zeitgleich erlangen. Sie versucht den Menschen ihre Sicht in zarten Pastelltönen und diversen Farbspielen nahe zu bringen. Doch man ist viel zu sehr berauscht von all den Formen und Strukturen, welche sie in ihre Malerei einfließen lässt und geschickt miteinander verbindet, als das man in dem Moment, wenn man vor den Bildern steht, einen klaren Kopf besitzen würde, um sie in Gänze zu verinnerlichen und zu begreifen.

Die Ausstellung ist eine der wenigen, welche auf leiser und doch mächtiger Weise nachwirken. Die Bilder wirbeln einem im Kopf umher, auch wenn man es nachträglich nicht erwartet. Sehr angenehm zu betrachten sind die Stücke, da sie zu großen Teilen in Serien unterteilt und ausgestellt sind. Hilma besaß die Angewohnheit oft in Werkkomplexen zu arbeiten. Dadurch werden Gegensätze gut heraus gearbeitet und man kann als Betrachter gewisse Entwicklungen besser nachvollziehen. Wir werden mitgenommen

"auf eine Reise jenseits der dualistischen Welt, welche sich auf einer höheren Ebene, der Vereinigung der Gegensätze, vollzieht".

Dies wird besonders gut deutlich bei den Bildern, welche sie unter den Namen Gemälde zum Tempel zusammenfasst. Hierbei möchte ich nicht viel vorweg nehmen, da jeder sich selbst seine eigenen Gedanken dazu machen sollte, wenn er die Möglichkeit besitzt, vor eben jenen bestimmten Bildern zu stehen. Der Tempel soll ihrer Ansicht nach für den spirituellen Werdegang des Menschen stehen und als Metapher aufgegriffen werden. Obwohl Hilma ohne Skizzen oder vorangegangenen Zeichnungen arbeitet, erkennt man eine gewisse Präzision, jeder Pinselstrich sitzt und nichts wird korrigiert. Jedem, der bereit ist einen Schritt in die Abstraktion zu setzen, rate ich eindringlich: lassen Sie sich von Hilma af Klint in diese Welt entführen, denn die Pionierin kennt den Weg.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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