Wie Vincent sein Ohr verlor

Im Zuge des „2 Days Animation Festivals“ wurde gestern Abend (22. November 2017) im Filmcasino, der seines Titels „erste handgemalte Animationsfilm in Spielfilmlänge“ gezeigt - die Rede ist von „Loving Vincent“.

Der Film machte bereits viel um sich reden, da jeder der 65.000 Filmframes von 125 Künstlern händisch mit Öl gemalt wurde. In mehreren aufwendigen Prozessen wurde der Film zuerst mit Schauspielern gedreht und dann Bild für Bild in ein Gesamtkunstwerk im Post-Impressionistischen Stil verwandelt.

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„YOU WANT TO KNOW SO MUCH OF HIS DEATH, BUT WHAT DO YOU KNOW ABOUT HIS LIFE?“
Außer den imposanten Bildern, die bereits im Trailer den Charme des Filmes erahnen lassen, begeistert der Film ebenso mit einer spannenden Geschichte. Der junge Armand Roulin soll für seinen Vater, einen Freund Vincents, den letzten Brief von van Gogh an dessen Bruder Theo überbringen. Zuerst noch unwirsch, begibt sich Armand auf eine Reise, die ihn nach Paris, sowie Avers und mitten hinein in Gerüchte über das Ableben des Künstlers bringt. Die Übergabe des Briefes, sowie sein steigendes Interesse an dem mysteriösen Tod von van Gogh, führen den jungen Mann in die Gesellschaft der Leute, die den Maler an seinen letzten Tagen nahe waren. Wie ein Detektiv in einer alten Agatha Christie Verfilmung, verfolgt Armand jedes Gerücht und setzt so nach und nach die fragmentarisch erzählte Geschichte von Vincent van Goghs Leben und Sterben zusammen.

Auf eine sehr mitreißende und dabei so lebensnahe Weise, zeichnet der Film ein Bild von einem sehr einsamen Menschen, der in acht Jahren von einem Amateur zu einem der berühmtesten Maler der Welt wurde, dies doch nicht zu Lebzeiten. Von etwa 800 Bildern verkaufte er nur eines und das, obwohl er ein Auge fürs Detail hatte. Es wird eine Geschichte von Vorurteilen, Ablehnung und Einsamkeit, aber auch von brüderlicher Liebe und Freundschaft erzählt.

„SOMETHING WE GET TO GAZE UPON, BUT NEVER FULLY UNDERSTAND. REMINDS ME OF HIM.”
Mit diesen Worten, die Armands Vater sagt, während er zu den Sternen hochblickt, schließt der Film und dieses Nie-komplett-verstehen, behält sich auch der Film bei. Exemplarisch werden subjektive Erinnerungsfetzen und Meinungen der Leute aus Vincents Umfeld gezeigt, die wiederum Flashbacks einleiten. Doch während sich jede Aussage plausibel anhört, ist es doch wieder nur eine Möglichkeit, eine von vielen Perspektiven. Die große, einzig wahre Antwort, die Filme viel zu oft bieten, wird in diesem vorenthalten oder anders gesehen, es wird die Option geschenkt, sich eigenen Gedanken zu machen. Während man durch die Bildgewalt, die der Film bietet, damit rechnen hätte können, dass alles auf die Bilder gesetzt und die Handlung nicht sonderlich ausgefallen sein würde, ist „Loving Vincent“ wirklich ein Gesamtkunstwerk, welches es nicht nur schafft, die Biografie des weltberühmten Malers spannend zu verpacken, sondern auch noch wunderschöne Bilder mit einer bis zur letzten Minute spannenden Erzählung vereinigt.

Der 29. Dezember ist der offizielle Kinostart und es sei nur jeder und jedem zu empfehlen, einen der vielen kalten Dezemberabende zu nutzen, um sich für etwas Malerei nicht in ein Museum, sondern das Kino zu begeben.

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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