Der Herr Karl – Gestern, Heute und Morgen

herrkarl02Den meisten ÖsterreicherInnen dürfte Helmut Qualtingers "Granteln for one" ein Begriff sein, und dennoch: Seine Aktualität und Brisanz werden zu wenig beachtet. Das findet jedenfalls Christopher Gajsek, der aus diesem Grund den Film "Der Herr Karl" aus dem Regal holt, um die verstaubte DVD-Hülle abzuklopfen und die ganze Misere in all seiner raunzigen Wiener Glorie erneut zu zelebrieren. Vorhang auf für den Herrn Karl, ein sich selbst hilflos ausgelieferter Feinkostladen-Gehilfe.

Gleich zu Beginn des Filmes wird einem schnell klar, dass es sich um ein Ein-Mann-Stück handelt, sieht man den Herrn Karl doch alleine im Keller des Feinkostladens, wo er zum Teil seine Arbeit verrichtet und zum Teil Waren vernichtet. Unterbrochen wird sein, an manchen Stellen durchaus herablassender, Monolog nur von Scheingesprächen mit der "Chefin" und der direkten Adressierung des Publikums als jungen Lehrbuben. Wobei er hier natürlich ständig seine Lebenserfahrung und Klugheit betont, alles hat er gesehen, gemacht, besessen oder durchschaut. Der Dunning-Kruger-Effekt wird hier geradezu zelebriert und es wird einem beinahe unwohl, bedenkt man, dass Qualtinger immer zu sagen pflegte, dass er den echten Herrn Karl hier nur in abgeschwächter Form wiedergibt, da ihm die unveränderte Erzählung keiner abgenommen hätte.

Doch nicht nur proletenhaftes Geprahle wird von Qualtinger genutzt, um die österreichische – man verzeihe hier den sakralen Ausdruck – "Volksseele" zum Besten zu geben. Auch die kleinen Details und Vorkommnisse der Zwischen- und Nachkriegszeit werden akribisch illustriert.

Da wird zum Beispiel vom Herrn Karl als, man könnte zynisch sagen, "pragmatischen" Geldverdiener und im wahrsten Sinn des Wortes "Mitläufer" berichtet, der vormittags bei der Heimwehr der Christlichsozialen mitmarschiert und nachmittags beim Republikanischen Schutzbund der Sozialdemokraten mitmacht. Problem sah er dabei keins, es gab ja immer einen Schilling dafür. 

Aber auch während der Nazi-Herrschaft hat sich der Herr Karl nicht mit Ruhm bekleckert, fuhr er doch häufig Juden aus seiner Nachbarschaft zu Reibpartien, besonders ein Herr Tennenbaum litt unter den "eh ned"-Nazis, die eigentlich nichts gegen Juden hatten, sondern halt einfach nur keine Lust, selber die Anti-Nazi-Graffitis wegzuwischen. Nach dem Krieg wundert sich Herr Karl, warum denn der Herr Tennenbaum ihn nicht mehr auf der Straße grüßen will. "Siagst, jetzt isser bes", sagt er voll Unverständnis.

So zynisch sich diese Berichte auch lesen, so werden sie von Qualtinger auch vorgetragen. Beißender Spott und ein unangenehmer Spiegel für die Gesellschaft sorgten im Jahre 1961 beim ersten Ausstrahlen des Fernsehspiels für einen Skandal. Es war noch ein langer Weg für "das erste Opfer des Nationalsozialismus" zur Selbsterkenntnis der eigenen Mittäterschaft und dafür musste es erst eine Waldheimaffäre geben. Doch auch heute noch merkt man, wie vielen Leuten die Worte Helmut Qualtingers und Carl Merzs gar nicht recht sind, was einem zu denken geben sollte. Ich kann dem Film nur jedem empfehlen, der Österreich, und vor allem Wien, wirklich verstehen möchte.

Ebenfalls sehr zu empfehlen ist der Comic zum Film, der 2014 vom Sohn Qualtingers, Christian Qualtinger und Reinhard Trinkler erdacht wurde und beim Amalthea Verlag erschien. Ich hatte selber das Vergnügen mit Christian Qualtinger einige durchaus lustige Worte bei einer Comicmesse zu wechseln und kann nur jedem raten, diese Neuinterpretation der Vorlage zu lesen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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