Kurzfilm: Ein Gedicht auf der Leinwand

Hast du schon den fantastischen Kurzfilm "Leading Lady Parts" von Jessica Swale gesehen? Oder bei "In a Heartbeat" von Beth David und Esteban Bravo eine Träne verdrückt?

Der Kurzfilm erregt in letzter Zeit zunehmend Aufmerksamkeit. Bei einer typischen Spieldauer von unter 30 Minuten scheint das Gegenstück zum klassischen Langfilm wie gemacht für unseren schnelllebigen Alltag. Aber tatsächlich ist der Short alles andere als Film-Fast-Food. Die neuseeländische Regisseurin Jane Campion vergleicht ihn in einem Guardian-Interview mit "einem Porträt, oder einem Gedicht".

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Weil der Kurzfilm besonders bei jungen FilmemacherInnen beliebt und ein zentraler Teil von Aufnahmeprüfungen an Filmakademien ist, zeichnet sich der Short oftmals durch besondere Experimentierfreudigkeit aus. Während er sämtliche klassische Genres bedient, von Dramen und Thrillern über Komödien und Dokumentationen, bricht der Kurzfilm mit Vorliebe mit deren stilistischen Konventionen. Kreative Kameraführung und ein gewagter Schnitt können dabei einen von zwei sehr gegensätzlichen Effekten haben: eine besonders naturalistische, lebensnahe Erzählweise, oder eine stark verfremdete, surrealistische Darstellung. Und wie die AutorInnen von Kurzgeschichten lieben Kurzfilm-MacherInnen es, die ZuschauerInnen erst auf eine falsche Fährte zu locken, um sie am Ende mit einer cleveren Wendung zu verblüffen.

Die meisten Klicks bekommen, wenig überraschend, amerikanische Werke, wie die visuell atemberaubende "Making a Scene"-Reihe des New York Times Magazins unter der Regie von Janusz Kaminski mit Stars wie Bradley Cooper, Cate Blanchett und Chiwetel Ejiofor. Aufsehen erregt hat auch die Short-Serie des aus "Friends" bekannten Schauspielers David Schwimmer über sexuelle Belästigung.

Tatsächlich hat auch die österreichische Kurzfilmszene so einiges zu bieten, nicht umsonst war der vielfach ausgezeichnete "Alles wird gut" von Patrick Vollrath im Jahr 2016 für einen Oscar nominiert. Wer sich in der deutschsprachigen Kurzfilmszene etwas umsehen will, findet nachfolgend vier besonders sehenswerte Werke:

  DER BESUCH , 2011, 8min
Eine ältere Dame ruft spätnachts ihren erwachsenen Sohn zu sich. Der Ofen funktioniert nicht mehr, dabei bereitet sie doch gerade das Essen für (bereits verstorbenen) Freunde zu, die jede Minute klingeln müssten! Der charmante und vielfach preisgekrönte Animationsfilm von Conrad Tambour
erforscht die permeable Grenze zwischen Realität und Fiktion. Ein besonderer Pluspunkt ist die brillante Synchronisationsarbeit von Erwin Steinhauer, Erni Mangold und Ingrid Burkhard.

 

  AUSSTIEG RECHTS / EXIT RIGHT, 2015, 5min
Die Wiener Rupert Höller und Bernhard Wenger
widmen sich dem Alltagsrassismus, so erlebt tagtäglich in öffentlichen Verkehrsmitteln österreichweit. Mit feiner Klinge und wachsamem Blick erforscht dieser Short, mit David Wurawa, Cornelius Obonya und Thomas Maurer in den Hauptrollen unangenehme Fragen zu Fremdenfeindlichkeit und Zivilcourage. Mehr zu sehen gibt es auf dem Vimeo-Kanal der beiden Filmemacher. 

THE PRESENT , 2014, 4min
Mittlerweile hat der junge Filmemacher und Animator Jacob Frey
schon für Disney gearbeitet, erste Bekanntheit erreichte er mit dem animierten Short "The Present". Bei dem Geschenk handelt es sich um eine Überraschung einer Mutter für ihren Sohn, der seine Tage mit Computerspielen auf der Couch verbringt. Liebevoll animiert und mit gekonnt abgestimmter Soundkulisse, zeigt dieser Short die unvorhersehbaren Auswirkungen eines anfangs ungeliebten Mitbringsels. 

ZU BESUCH , 2015, 11min
Es soll Emmas letzte Station einer mehrmonatigen Work-and-Travel Reise sein. Weil bisher alles so gut geklappt hat, macht sie sich auch keine Gedanken darüber, dass ihr Gastgeber und Fellow-Couchsurfer Leon sich etwas komisch verhält. Dieser Thriller des Autors Christoph Paul Hartmann und der Regisseurin Lisa Ossowski
verzichtet auf klassische Horrormusik und erzeugt Gänsehaut durch ein fabelhaftes Lautbild aus Schritten, Türknarren und Gläserklirren. Ebenso hörens- wie sehenswert.

 

Wer Lust bekommen hat, die deutschsprachige und internationale Kurzfilmszene offline und online zu erkunden, sollte sich hier umsehen:

Video und Filmtage
Short of the Week
The New York Times auf YouTube 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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