Werk ohne Autor

Aristoteles' Theorie der Katharsis, sich durch das Auslösen von Gefühlen von diesen zu reinigen, ist zwar ein schöner Gedanke, doch kann ich nach der dreistündigen Sichtung des neuesten Films von Florian Henckel von Donnersmarck sagen, dass zweieinhalb Stunden zu weinen nicht befreiend, sondern richtig erschöpfend ist.

Der Film "Werk ohne Autor" ist ein Drama, das mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten beginnt. Anhand der Leben von zwei Familien wird mit ästhetischen und brutalen, Aufnahmen gezeigt, wie vielfältig Schicksale sein können.

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Der Film unterscheidet nicht zwischen schwarz und weiß, sondern zeigt, dass auch schlechte Menschen gut und gute Menschen schlecht handeln können. Augenmerk liegt nicht nur darauf, was einzelne Individuen mit Situationen anfangen, sondern auch was es für die Kunst bedeutet. Was ist entartete Kunst und wie können Menschen entartet sein? Elisabeth hört die Weltenformel in einer Note ihres Klaviers und wird dafür weggesperrt, sterilisiert und ermordet. Ihr Neffe Kurt interessiert sich für das Malen. Auf Elisabeths Drängen hin geht er mit offenen Augen durchs Leben, sieht nicht einmal dann weg, wenn es weh tut. Und das tut es oft und viel, denn der Regisseur scheut keine empfindlichen Themen. Zu sehen ist ein Mädchen mit Down-Syndrom, das einer Schwester sagt, wie sehr es sie mag, Sekunden bevor diese die Türe hinter ihr schließt und Gas eingeleitet wird. Gezeigt wird ein Vater, der die Schwangerschaft seiner eigenen Tochter abbricht, nur um seine Familie "rein" zu halten. Als Zuseher*innen sind wir mitten im Geschehen. So nahe am wahren Leben, dass es schmerzt.

Würde der Film nur die nationalsozialistische Vergangenheit zeigen, wäre er jedoch nur einer unter vielen. Vielleicht etwas gekünstelter als einige, durch seine, gerade zu Beginn, gestellten Konversationen. Vielleicht etwas beeindruckender als andere, durch seine künstlerisch vollendeten Aufnahmen. Durch die lange Spielzeit konzentriert sich das Werk jedoch nicht nur auf diesen Teil der Geschichte, sondern behandelt ebenso die Befreiung Deutschlands durch die Sowjetunion und die darauffolgende Zeit der DDR und BRD.

Vor den Augen der Zuseher*innenn eröffnet sich ein Geflecht, in dem Ideologie von Ideologie abgelöst wird und zeigt, dass Befreiung nicht frei sein bedeutet.

Mit Erich Frieds "Freiheit herrscht nicht" spielend, muss Kurt auch nach dem Machtwechsel mit den Verboten und Geboten für Kunst zurechtkommen. Er malt volks- und arbeiterpositive Wandgemälde, verkauft damit die Seele seiner Kunst für Geld.

Nachdem er mit seiner Frau in die BRD fliehen kann, zeigt sich, dass auch die Möglichkeit zu tun, was man tun will, nicht unbedingt eine Erleichterung ist. Mit über dreißig muss er beginnen, seine eigene künstlerische Stimme sowie einen Weg, die Vergangenheit zu verarbeiten, zu finden.

Viele der Themen, die der Film anspricht, sind nicht nur durch ihre pure Grausamkeit erschütternd, sondern auch weil sie Gegenwartsbezug haben. Die minimalen Entmenschlichungen, die Schritt für Schritt, unbemerkt und doch unaufhaltsam zum großen Ganzen führten, was wir heute unter dem Begriff "Nationalsozialismus" kennen. Wer nicht versteht, was Menschen anderen Menschen antun können, sollte ins Kino gehen und sein Inneres drei Stunden lang durch Tränenkanäle nach außen waschen lassen.

Kinostart: 04.10.2018

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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