BILDENDE KÜNSTE

Raum und Zeit für die Kunst

Wer kennt das nicht? Man geht voller Vorfreude in eine Ausstellung, wobei sich schnell deren von Kunstwerken regelrecht beladener Charakter herausstellt. Dann merkt man geradezu, wie man von Minute zu Minute müder wird und der Kopf in der Bilderflut zu versinken droht. Langsam aber sicher bleibt man nicht mehr fünf Minuten vor einem Bild stehen, sondern dann halt nur mehr wenige Sekunden. Genau diesem um sich greifenden Phänomen will das Essl Museum mit dieser neuartigen Idee entgegenwirken. Es geht also um eine intensive Auseinandersetzung mit der Kunst, ihren Inhalten und Formen. Aber irgendwie geht es auch um die Reflexion des eigenen Denkens, Verhaltens und Fühlens.

Den heutigen sogenannten ,,Blockbuster-Ausstellungen“ entgegengesetzt lässt sich Silence hingegen nur schwerlich als Ausstellung im herkömmlichen Sinn bezeichnen, vielmehr ist es ein ungewöhnliches aber durchaus innovatives Experiment. Immerhin werden auf 600 m² lediglich zwei Kunstwerke aus der Sammlung des Hauses präsentiert. Ein oder zwei Besucher haben in diesem Raum dann eine Stunde Zeit die ausgestellten Bilder ausgiebig zu betrachten, ohne von anderen Besuchern gestört oder gar irritiert zu werden.

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Die Erfahrung der Besucher soll zudem weder durch ausführliche Saaltexte oder lange Biografien der Künstler, noch durch Aufsichtspersonen, die einen mustern, gestört werden. Die Kunstbetrachtung bleibt also frei von jeglicher Informationsüberflutung, wie wir sie sonst vom gängigen Ausstellungsbetrieb kennen.

Gleichzeitig ist klar, dass ein solches Projekt nicht überall funktionieren würde, denn tragende Rolle für das Konzept spielt das Museum als Institution. ,,Ich werde alles tun, was ich noch nie in einem Museum gemacht habe“, sagt meine Freundin zu mir, kurz bevor wir uns ins Unbekannte stürzen und in den Saal treten.

Man macht es sich auf einem der modernen Ohrensessel bequem, zieht vielleicht die Schuhe aus und lässt sich einfach auf das Experiment ein. Jeder wird es anders erleben, abhängig auch davon ob man alleine oder in Begleitung den großen Saal im 2. Stock betritt. Für manche wird es ein befreiendes Gefühl sein, den anderen wird es möglichweise schwer fallen, sich so lange und intensiv mit der Kunst zu beschäftigen. Für die einen wird die Zeit nur so dahin rasen, während so manch anderer etwas öfter auf die Uhr schauen wird. Um dem entgegenzuwirken, bietet das Museum jedem Besucher ein Klemmbrett mit reichlich Notizblättern, um seine Gedanken und Emotionen während des einstündigen Erlebnisses auf Papier festzuhalten.

Ganz so silent ist es am Ende aber dann doch nicht, müssen wir etwas enttäuscht feststellen. Immer wieder schwappen Geräusche von außen hinein und stören dadurch die Kommunikation zwischen Werk und Betrachter. Dennoch: Wagt ruhig das Experiment! Ihr werdet es nicht bereuen!


Silence kann noch bis zum 28. März 2016 besucht werden, aber nur mit Voranmeldung unter +43-(0)2243-370 50 150 oder via E-mail. Ausserdem gibt es einen Trailer zur Ausstellung auf YouTube.

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