BILDENDE KÜNSTE

"We are all flesh!"

Zwei kleine Schemel aus Holz in Form eines Bettes drapiert, mit großen weißen Kissen darauf. Auf diesen liegt der Leib eines nackten Mannes, von dem neben seinem Oberkörper und seinen Genitalien, lediglich noch die Beine zu sehen sind. Sein Körper und besonders die Haut wirken indessen so real, obwohl sie bekanntlich aus Wachs modelliert wurden. In Piëta (2007-2008) bezieht sich die Künstlerin auf die christliche Ikonografie des zuvor leidenden und nun toten Christus, allerdings in besonders abstrahierender Manier, sodass De Bruyckeres Arbeiten nicht als simple Zitate christlicher Bildformen verstanden werden dürfen.

berlinde02Auf den ersten Blick erscheinen die Zeichnungen und Skulpturen in den weiß getünchten Räumen des Museums leicht lesbar, um dem Betrachter im nächsten Moment ihren tieferen Bedeutungsgehalt zu eröffnen. Die Künstlerin interessiert sich für verschiedene Themen, bleibt dabei aber im Allgemeinen und Zeitlosen verhaftet, womit sie sich nicht auf sich selbst als Persönlichkeit in den Fokus rückt, sondern vor allem darauf aus ist das Publikum anzusprechen. So betitelt sie dann auch die auf einem Holzregal sitzende kleine Gestalt mit Wezen (2003-2004) - "Geschöpf" und weist damit auf das generelle Verständnis ihrer Arbeiten hin, die auf die Menschheit im Allgemeinen und nicht auf sie als Person referieren.

Unterstützt wird diese Beobachtung nicht zuletzt dadurch, dass die stets fragmentiert gezeigten Figuren anonym bleiben. Sie zeigen sie uns nicht ihr Gesicht. Mal werden ihre Köpfe von Decken umwickelt, ein anderes Mal haben sie überhaupt kein Gesicht, da sie ohnehin nur aus Beinen bestehen. Nach Augen, die einen direkt adressieren, sucht der Besucher demnach vergeblich.

berlinde04Zentrales Motiv bleibt dabei die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Körpers. Nicht nur, wenn De Bruyckere tatsächliche Wunden zeichnet, sondern auch wenn sie die oftmals unnatürlich geformten, regelrecht deformierten Körperteile in "fleischliche" Farbe taucht und die natürlichen Strukturen der Haut detailgetreu nachzubilden vermag. Aber auch existenzielle Fragestellungen zu Leben und Tod, Leid, Liebe und Leidenschaft spielen eine zentrale Rolle.

Dass nicht nur der Mensch von Leid, Schmerz und Fragilität heimgesucht wird, sondern dass alle Lebewesen davon betroffen sind, zeigen Werke wie Les Deux, Invisible Love und Invisible Beauty von 2011, in denen der tierische Leib und Materialien, wie Pferdehaar, Eisen oder Seile Verwendung finden.

Bezeichnenderweise trägt die Ausstellung den Untertitel "Suture" ("Naht"), als zentrales Motiv bei De Bruyckere hervorzuheben. Die Naht steht dabei sinnbildlich für den Wunsch der Künstlerin, die physische Erscheinung des Körpers mit gedanklichen Ebenen zu "verknüpfen". Besonders einprägsam zeigt diesen Wunsch die Werkgruppe Aanééin-genaaid – (Miteinander vernäht), welche von 2000-2003 aus Skulpturen sowie Zeichnungen geschaffen wurde. Um den gleichnamigen und zentral in der Ausstellung positionierten Torso spannen sich braune Decken, von denen man nicht genau weiss, ob sie eine beschützende oder erstickende Funktion einnehmen.

berlinde03Dem Motiv der Naht wohnt aber noch eine weitere Bedeutungsebene inne. Die in zwei hölzerne Vitrinen gestellten Körper (Eén – "Eins" von 2003-2004) zeugen von der Verbundenheit zweier Menschen. Selbst bei genauerer Betrachtung lässt sich nur schwerlich feststellen wo der eine Körper beginnt und der andere aufhört. Aus zwei ist eins geworden.

Berlinde De Bruyckeres wächserne Figuren sind von solch haptischer Qualität und realistischen Strukturen durchdrungen, dass man sich diesen nicht einfach mir nichts, dir nichts entziehen kann. Es sind "Körperoberflächen, die unter die Haut gehen" (Arno Böhler).

Wer nun neugierig geworden ist, kann sich die Ausstellung Berlinde de Bruyckere. Suture noch bis zum 5. September 2016 im Leopold Museum ansehen.

 

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