BILDENDE KÜNSTE

Kaleidoskop der Wegwerf-Gesellschaft

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Während die Hauptausstellung des Kunsthaus Wien mit „A Photographic Journey“ Martin Parrs Dokumentationen des Obszön-Alltäglichen zeigt, bieten Galerie und Garage andere Auseinandersetzungen mit dem Profanen. Parrs skurril-provokanten Fotografien stehen in der Galerie zwar eine geringere Zahl, aber eine umso eindrucksvollere Bildkomposition gegenüber: Der angolanische Künstler Edson Chagas hat mit „Found Not Taken“ seine erste Einzelausstellung in Österreich – und er steht dem weltberühmten Magnum-Fotografen in nichts nach.

kunsthaus02Fotografie in breitem Spektrum
Chagas arbeitet völlig anders als Martin Parr, der die Absurdität des Alltags ohne Einfluss auf die Objekte und Menschen vor der Linse festhält und den Betrachter mit einem so schonungslosen Realismus konfrontiert, dass er fast surreal wirkt. Edson Chagas beschäftigt sich hingegen mit weggeworfenen Gegenständen, die er wenn nötig durch die ganze Stadt bewegt, um sie vor der passenden Fassade oder Häusermauer neu zu arrangieren. Er stellt einzelne, für die Konsumgesellschaft wertlose Dinge in den Fokus und produziert damit Porträts des Abfalls, die durch die farbliche Abstimmung mit ihrem ruhigen Hintergrund eine seltsame Harmonie ausstrahlen. Hauptprotagonisten sind etwa ein verbogener Kleiderständer, eine rostige Satellitenschüssel oder eine ausrangierte Matratze vor abbröckelnden Fassaden oder Ziegelmauern.

Während Parrs Bilder durch bewegte Farbgebung und starken Kontrast ihre Objekte gewissermaßen laut herausschreien, sind Chagas urbane Skulpturen eine stille Wiederverwertung des Wertlosgewordenen. Und doch lässt sich eine sublime Wechselwirkung beider Ausstellungen feststellen, die über ihre bloße Gleichzeitigkeit hinausgeht. Beide zeigen das scheinbar Hässliche oder Banale des Alltags aus völlig unterschiedlichen Perspektiven. Verknappt könnte man sagen: Parr zeigt das Leben, Chagas belebt wieder.

Nicht jeder Abfall ist Müll
Vier Arbeiten im Innenhof des Kunsthaus befassen sich ebenfalls mit Wert und Wertverlust innerhalb der Konsumgesellschaft – kein neues, aber ein beständig brisantes Thema. Im Hof selbst hängen zwei Plakate der Künstlergruppe RELAX, die den Ausdruck „human ressources“ und die dadurch ausgedrückte Versachlichung des Menschen thematisieren.

Für die Installation „White Trash no5“ von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser ist der Ausstellungsraum ihre Endstation: Der vergrößerte Audi Q7 aus Abfallholz und Spachtelmasse wird nach dieser Schau wahrscheinlich endgültig entsorgt. Damit macht das Kunstwerk das, was es thematisiert; es wird selbst zum kurzlebigen Wegwerfprodukt.

kunsthaus03Im selben Raum stellt transparadiso das Objekt „neuwertig“ aus. Auf einer weggeworfenen Auto-Heckscheibe wurden Computertasten zu Begriffen rund um das Schlagwort „Wert“ angeordnet. Die Installation soll auf eine Art Schaltpult verweisen, so mancher Betrachter mag damit aber eher anarchisches Scrabble assoziieren. Die Referenz beider Projekte auf das Auto in Zusammenhang mit Konsumgesellschaft und Ökologie ist dabei zwar kein sehr origineller, aber ein solider Verweis auf die Verschmutzung der Umwelt.

Mit einem ökologisch positiv besetzten Fortbewegungsmittel beschäftigt sich Dan Peterman im Container des Innenhofs. Diesen hat er zur Werkstatt umfunktioniert, in der er „Mobile Models (bicycle joints and bamboo)“ aus ausrangierten Fahrradrahmen und heimisch geerntetem Bambus zusammenbaut. Mit ihren durch den Raum greifenden Bambusstäben erinnert die Skulptur an die Komplexität eines Spinnennetzes, verdeutlicht so aber auch die Vernetzung der modernen Gesellschaft. Die Anspielungen auf die Öko-Gesellschaft durch die Verweise auf Fahrrad und Regionalität sind wie bei den anderen Installationen nicht besonders subtil gewählt. Das tut aber der Botschaft Ausstellung keinen Abbruch – im Gegenteil: Das Kunsthaus regt mit dieser Bandbreite an Künstlern und Genres zum Staunen und Nachdenken an, und das noch bis 30. Oktober.

 

Wien. Mehr Kultur.
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