BILDENDE KÜNSTE

Die Kunst des Viel-Sagen-Wollens

büttner01Armut, iPhones und ein bisschen Moos – darum geht es kurz gesagt in Andrea Büttners "Beggars and iPhones" in der Kunsthalle Wien. Wie diese doch recht beliebigen Themen miteinander in Verbindung stehen, darauf muss sich jeder selbst einen Reim machen, denn eine Antwort darauf gibt die Ausstellung nicht.

Wegwisch- vs. Wegwerfgesellschaft
Büttner experimentiert mit Techniken und Stilen, die unterschiedlicher nicht sein könnten; es würde also auch nicht verwundern, wenn die ausgestellten Serien von unterschiedlichen Künstlern stammten. "Phone Etchings" sind Übertragungen der Fingerspuren vom Touchscreen eines iPhones in das Medium der Farbradierung. Dabei entstehen abstrakte, Rohrschachtest ähnliche Muster. So weit, so spannend. Die "Beggars" hingegen sind einfach gehaltene Holzschnitte, die die Negative von Umrissen verhüllter Gestalten zeigen. Mit ihren ovalen Formen, die an über den Kopf geworfene Kapuzen erinnern, und den schemenhaft konturierten Händen unterscheiden sie sich kaum voneinander. Büttner schafft somit Variationen auf Ernst Barlachs Skulptur "Verhüllte Bettlerin" (1919), die diese ausdrucksstarke Plastik nicht unbedingt auf das Wesentliche, sondern eher auf das Einfache reduzieren.

büttner02Eine Verbindung der beiden Serien, wie vom Titel der Ausstellung suggeriert, ist allerdings aufgrund der so unterschiedlichen Darstellungsformen und Themen nur zu erahnen: Die eine bildet abstrakte Muster ab, zufällig durch eine Geste der modernen Gesellschaft entstanden; die andere zeigt die immer gleiche menschliche Gestalt in beschämter, bittender Haltung. Beide setzen sich also mit bestimmten – eher unbeachteten – Gesten auseinander, allerdings auf völlig verschiedenen Ebenen.

büttner03Fa-Moos?
Scheint ein erster Interpretationsstrang gefasst, wird dieser durch die dritte Serie, "moss gardens", wieder zerstreut. Auf einem Tisch sind getrocknete und gepresste Moosbeete aufgelegt, die in allen Facetten von Graubraun vor sich hinvegetieren. Passend dazu zeigt ein kleiner Bildschirm eine 3D-Slide-Show mit Bildern von Personen, die Moos in freier Wildbahn betrachten. Ihre überwiegend gebückte Haltung erinnert wiederum an die Bildsprache der "Beggars". Außerdem zählen die Moospflanzen zu den "niederen Pflanzen" und wachsen vornehmlich am Boden, im Schatten von anderen Pflanzen – eine weitere, schockierend treffende Verbindung. Diese Überschneidungen sind nach einigem Grübeln und einem Blick in den Info-Folder also doch auszumachen, die Rolle der iPhones in diesem Kontext bleibt hingegen eher unklar. Vielleicht könnte man hier die Komponente des digitalen Zeitalters einbringen, in dem alles nur mehr vermittelt durch technische Geräte wahrgenommen wird: Das lebendige Moos können wir nur mehr über einen Bildschirm wahrnehmen, während das Moos im Ausstellungsraum, jenseits seines natürlichen Umfelds, tot scheint.

büttner04Zur Kritik an der fehlenden Unmittelbarkeit würden auch die drei Bilder von Brotlaiben passen, die am anderen Ende des Raumes über leeren Tischen angebracht sind. Der Tisch ist nicht gedeckt, das Brot nur virtuell präsent. Damit würde sich wiederum der Kreis zu den "Beggars" schließen, allerdings auf ziemlich plakative Art und Weise.

Ballungsraum für Interpretationen
Der geballte Konjunktiv der letzten Absätze zeigt schon, dass jeder interpretative Ansatz immer nur Vermutung bleibt. Mit den zahlreichen Genres und Themen wird eine Vielzahl von Diskursen eröffnet, die überblicksmäßig kaum zu bewältigen ist. Eine derart offene Form kann zwar äußerst produktiv sein, indem sie die Besucher zu immer neuen Assoziationen anregt, kann aber auch schnell in Willkür abgleiten, weil vielleicht zu viel auf einmal angesprochen wird. Wer also eine klar strukturierte Ausstellung erwartet, deren Kunstwerke sich sofort offenbaren, der wird mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht, ist aber mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit auch nicht die Zielgruppe, auf die diese Ausstellung abzielt.  

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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