BILDENDE KÜNSTE

Die bessere Hälfte

15 Bettina Ehrlich-Bauer Selbstporträt 1928Erst als ich das Jüdische Museum in der Dorotheergasse betrete fällt mir auf, wie lange ich schon nicht mehr hier war. Ganz vergessen hab' ich, wie schön der Holzboden an manchen Stellen im ersten Stock knarrt, wie hier angenehm mit Beleuchtung gearbeitet wird und wie spannend verwinkelt die Räumlichkeiten aufgeteilt sind. So verwinkelt, dass man, wenn man der Müdigkeit wegen motorisch nicht ganz auf der Höhe ist (ich), manchmal stolpert (zweimal), oder gegen eine der verspiegelten Wände läuft (einmal).

Aber! Eine der derzeitigen Sonderausstellungen dort gehört momentan ganz sicher zu den Ausstellungsschmankerln Wiens. „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“, bereits letzten November eröffnet, lässt großartige Malerinnen, Grafikerinnen, Bildhauerinnen und Co. (wieder-)entdecken. An anderen Orten völlig unterrepräsentiert, tritt man hier in ein kunterbuntes Sammelsurium an moderner Kunst von ausschließlich weiblichen Kunstschaffenden des frühen 20. Jahrhunderts in Wien.So erzählt die Ausstellung, kuratiert von Andrea Winklbauer und Sabine Fellner, eine Geschichte über Wiens Aufbruch in die Moderne von ca. 1900 bis ca. 1938. Ausgegangen wird von der Tatsache, dass an dieser spannenden Zeit des Umbruchs viele Künstlerinnen beteiligt waren, von denen wiederrum ein großer Anteil aus assimilierten jüdischen Familien stammten.

11 Taussig Helene TänzerinDer Bogen wird gespannt von Tina Blaus stimmungsvollen Landschaftsgemälden, über Ilse Twardowski-Conrats bildhauerische Arbeiten, Grete Wolf-Krakauers abstrahierende Kompositionen, Helene Taussigs expressionistisch/fauvistisch anmutende Malerei, Susi Singers oder Vally Wieselthiers Keramiken, Lili Réthis sozialkritische Grafiken, bis hin zu Bettina Ehrlich-Bauers Auseinandersetzungen mit Neuer Sachlichkeit und dem Thema „Großstadt“. Nebenbei werden einzelne Karrierewege und Entwicklungen von eigenen Künstlerinnenvereinigungen oder -clubs vorgeführt, nicht selten aber fallen auch Namen wie „Wiener Werkstätte“ oder „Bauhaus“. (Eingeschränkte) Ausbildungsmöglichkeiten, Auftragslage und damit auch Ausstellungsmöglichkeiten stellen nur ein paar der Rahmenbedingungen dar, die in einer männlich dominierten Kunstszene sicherlich nicht die gemütlichsten waren. Man denke allein – wie auch in der Ausstellung aufgegriffen – an Bezeichnungen wie etwa „dilettantische Hofratstöchter“ (Adolf Loos) oder „unerhörte Pupperlwirtschaft“ (Oswald Haerdtl), die einem immer wieder im Kampf um Anerkennung als Steine in den Weg gelegt wurden. Nichtsdestotrotz (oder vielleicht genau deswegen) fasziniert der ein oder andere vielversprechende Werdegang der Protagonistinnen dieser Schau – auch wenn dieser, durch den Nationalsozialismus bedingt, unterbrochen, beziehungsweise in manchen Fällen auch abrupt beendet wurde.

7 Rethi Lili Hochofen JMWDie beachtliche Menge an Exponaten kann viele Geschmäcker beglücken: Zeichnung, Malerei, Druckgrafik, Bildhauerei und Plastik, sowie diverse Strömungen wie etwa Expressionismus, Secessionsstil, abstrakte Tendenzen oder Neue Sachlichkeit, alles ist dabei. Wunderbar strukturiert, ausführlich aufgearbeitet, schön präsentiert. Würdevoll und an manchen Stellen kämpferisch werden uns die modernen Künstlerinnen eines vergangenen Wiens vorgestellt und Geschichten erzählt: über ihr künstlerisches Talent, ihre sagenhafte Ausdauer, ihre Selbstverständlichkeit und ihrem Durchsetzungsvermögen innerhalb eines von Männern lang regierten Kunstbetriebs.

„Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“ ist noch bis 1. Mai 2017 geöffnet.

 

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