BILDENDE KÜNSTE

Die Grundfeste der Gesellschaft

kunsthalle01Als Ausstellungszentrum für Contemprorary Art ist es für die Kunsthalle immer schwierig, viele unterschiedliche Werke zu einem Überthema zu verbinden. Auch How to live together muss einen großen Bogen schaffen und viele persönliche Hintergründe und Erfahrungen von KünstlerInnen verbinden. Die Ausstellung ist deshalb großzügig in den Räumen verteilt, jedes Ausstellungsstück erzählt eine eigene Geschichte. Verbunden wird das Ganze durch ein Raumkonzept von Miessen.  Die schwarzen, stufenförmigen Sitzelemente, die überall verteilt sind, symbolisieren die Fundamente der Demokratie und beziehen sich auf die griechische Agora. Sie sind vielseitig gestaltet, aber mit Vorsicht zu genießen: sobald mehr Menschen auf einmal darauf sitzen, kann sich so ein Sitzelement schon einmal in eine Richtung neigen. Auch dahinter steckt Gesellschaftskritik: Die Basis ist stabil und überall zu finden - gleichzeitig aber fragil und daher nur mit Rücksicht zu behandeln.

Auf einer fragilen Basis steht auch die Ewigkeit. Das sieht man in der Installation von Leon Kahane im unteren Raum der Ausstellung. In einen vier mal zehn Meter großen Teppich wird dort im Laufe der Ausstellung immer wieder das Wort "ewig" hineingestaubsaugt. Kahane will damit auf die Instabilität der Gesellschaft hinweisen, die durch soziale Ungerechtigkeit und den Wandel des Kulturbegriffes befeuert wird. Außerdem muss dabei natürlich immer die populistische Rhetorik von Nationalisten berücksichtigt werden, die un-ewige Installation kritisiert deshalb die Rhetorik des Dritten Reiches.

kunsthalle02Aus einer ähnlichen Zeit - dem Anfang des 20. Jahrhunderts - aber mit ganz anderem Kontext stammen die Gesellschaftsportraits von August Sander. Sander fotografierte verschiedenste Arbeiter in ihrem normalen Umfeld und fing so mit seiner Bilderserie die Vielschichtigkeit der Gesellschaft ein. Eine Diversität, die ebenfalls zur Basis des Zusammenlebens gehört.

Beim Stockwerkwechsel wird man ganz schnell wieder zurück in das 21. Jahrhundert geholt. Direkt beim Eingang in den Raum wartet nämlich der sprechende Android der polnischen Künstlerin Goshka Macuga. Er ist mit ausreichend Hintergrundwissen und künstlicher Intelligenz ausgerüstet, um mehr als eine halbe Stunde mit Hilfe von Kant, Nietzsche, Frankenstein und Blade Runner (ja, wirklich) über das Leben und die Gesellschaft zu philosophieren. Das mag am Anfang vielleicht ungewohnt wirken, auf der Bank ist aber genug Platz, um sich eine Zeit lang neben dem Androiden hinzusetzen und zu zuhören.

FOTOS UND KRITIK
How to live together bietet nicht nur typische Contemporary Art, sondern setzt verstärkt auch auf Fotos und ihre Aussagekraft. Optisch prägnant und gleich hinter dem Android ist etwa eine große Fotoserie von Herlinde Koelbl. Sie portraitierte deutsche Politiker seit 1991 - in der Kunsthalle die Serie von Angela Merkel. Merkels Portraits sind Auszüge ihrer Karriere und mit Zitaten versehen. Der Zeitablauf, die optische Veränderung einer Person und besonders die aussagekräftigen Zitate zeigen, was die Zeit mit Menschen anstellt. Äußere und innere Veränderungen sind klar zu erkennen, Gesellschaft mitgestalten wird so von einer abstrakten Wortkonstruktion zu einem persönlichen Lebensweg, der klar portraitiert ist.

kunsthalle03An der Wand gegenüber geht es dafür wieder zurück zum Ganzen. Dort hängen Einzelstücke aus Tina Barneys Fotoserie Europeans. Barney fotografierte dafür seit den 1990ern Oberschicht-Familien aus sechs europäischen Ländern. Die Fotos sind geprägt von einer starken Bildsprache, wechseln zwischen Momentaufnahmen und inszenierten Portraits. Besonders sind sie durch die ungeschönte Darstellung von Wohlstand, die in hartem Kontrast zur restlichen Ausstellung steht. So etwa zu den Fotos von Mohamed Bourouissa. Seine Bildserie Périphérique antwortet auf die vehemente Kritik an den gewaltgeprägten Pariser Banlieues und zeigt den Alltag in diesen Vororten. Ja, es gibt auch Fotos mit Polizisten und Festnahmen, aber nein, es ist kein Bürgerkriegsgebiet. Stattdessen sieht man eine vielschichte Gesellschaft, die weitab von Tina Barney Lebensrealitäten ist, in der aber doch ganz normale Leben geführt werden. So gesehen ein geglückter Versuch, mittels Kunst aufzuklären.

VIELFÄLTIGE GESELLSCHAFTEN - VIELFÄLTIGE AUSSTELLUNGEN
Abseits dieser Beispiele sind viele Videoarbeiten und einige plastische Stücke in der Kunsthalle zu sehen. Die Bandbreite reicht dabei von der Aufarbeitung einer Selbstverbrennung aus Protest, zur Verarbeitung der vertriebenen Tschetschenen aus Russland (inklusive Rückkehr) und der Reparatur der Gesellschaft - versinnbildlicht durch den Phantomschmerz nach einer Amputation.

Der Bogen, der mit How to live together gespannt wird, ist wie bereits erwähnt ein weiter. Teilweise ist die Verbindung schwer zu sehen und einige Ausstellungsstücke müssen genauer betrachtet werden. Das liegt an dem extrem weiten Umfang der Ausstellung und der vielfachen Interpretationsmöglichkeiten. Gesellschaft ist nicht eindimensional. Gesellschaft ist nicht einfach zu erklären. Und Zusammenleben erst recht nicht.

Die Ausstellung ist deshalb eindeutig einen Besuch wert. Vielleicht sogar jetzt gleich, denn die Eröffnungstage (mit pay as you wish-Eintritt) gehen nur noch bis Sonntag, 28. Mai. Danach gibt es bis zum Ende der Ausstellung am 15. Oktober verschiedene Veranstaltungen des Communitiy Colleges. Egal ob man zu einer Veranstaltung geht oder nicht, ist es aber auf jeden Fall klug, sich ein bisschen mehr Zeit für die Ausstellung zu nehmen. Denn wie gesagt: Der Bogen ist groß, und wer zu schnell durchgeht, bringt sich wahrscheinlich selbst um die Chance, das Gesamtbild zu sehen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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