BILDENDE KÜNSTE

Österreich in Bildern

Österreich. Ein Land, ein Begriff, aber viele Bedeutungen. Österreich ist für mich beispielsweise ein Wort, das mich immer an etwas leicht rückständiges erinnert. Alte Häuser, altmodische Traditionen und ein bisschen Sehnsucht nach der guten, alten Zeit. Dabei ist es nur der Name eines Landes, steht für Berge, Seen, viel Natur und ein bisschen das Gefühl vom Land. Schwierig, immerhin steht Wien teilweise ja in sehr starkem Kontrast dazu. Eigentlich kann Österreich aber auch der Name einer Gesellschaft sein.

Einer Gesellschaft, die eben manchmal ein bisschen zu sehr an der Vergangenheit hängt, die Vater, Mutter, Kind spielt und gerne trinkt. Viele dieser Aspekte haben die Kuratoren der Albertina jetzt für die neue Ausstellung "Österreich. Fotografie 1970-2000" zusammengestellt. Die Bilder reichen von Landschaftsfotos, die die Einöde der Grenzgebiete in den 1970ern widerspiegeln, zu Bildern von Mittagstischen und Gesellschaftsportraits der 1990er.

Aber der Reihe nach. Zuerst prägen Grenzübergänge und der Eiserne Vorhang die Bilder. Die Dörfer sind klein und sehen auf den schwarz-weiß traurig und verlassen aus, die Menschen auf den Bildern sind, tja aus den 80ern. Seiichi Furuya hat dieses Gefühl beispielsweise in der Serie National Border Anfang der 80er eingefangen. Zugegebenermaßen ist die Bildsprache von Heimrad Bäcker ähnlich, allerdings setzt er seinen Schwerpunkt auf die Aufarbeitung der NS-Zeit. Dennoch lassen sich zumindest optische Parallelen zwischen den verfallenen Häusern der Grenzdörfer und den verfallenen Häusern der Konzentrationslager ziehen. Beide lassen nämlich das Gefühl eines rückständigen Österreich aufkommen, eines Landes, in dem alte Grenzen und Wunden nicht einfach verschwinden, sodass Neues entstehen kann, sondern wo diese ewige Schandflecke sind.

Auch die Bilder von Robert Hammerstiel lassen nostalgische Gefühle aufkommen. Er hat 1989 eine Serie über Mittagstische erstellt, auch diese Bilder demonstrieren das alte und teilweise traditionelle Österreich. Alleine die Auswahl der Speisen und die Verteilung der Gegenstände auf den Tischen erinnert an die 80er, persönliches Highlight ist aber das Geschirr. Das deckt die gesamte Bandbreite von altem Oma-Porzellan ab, die überhaupt vorstellbar ist. Von 70er Muster zu Rüschchen ist alles dabei, auch die Plastiktischtücher schreien geradezu nach der Zeit, aus der sie kommen. Schockierenderweise sind die Bilder aber nicht nur eine Abbildung ihrer Entstehungszeit, sondern nach wie vor in vielen Wirtshäusern und Küchen Realität, wodurch sich die Frage aufdrängt: Warum?

Genau an dem Punkt kommt das Gefühl auf, dass mit dieser Fotoauswahl auch eine gewisse aktuelle Gesellschaftskritik angebracht werden soll. Auch die Fotos, die Nikolaus Walter von Schlafzimmern gemacht hat, greifen das auf. Allerdings eben eher auf einer Gefühlsebene, tatsächlich ist es schwierig zu beschreiben. Durch die alten Sepia-Farbtöne und die Motive, die 70er-Tapeten, die einsamen Betten wirkt alles innerlich einsam, engstirnig und kleinkariert. Die Auszüge aus der Serie "Bürgerlicher Realismus", von Branko Lenart treiben dieses Gefühl noch einmal auf die Spitze, die Portraits von Bernhard Fuchs aus dem Jahr 1993 geben dem Gefühl auch endlich Gesichter.

Es ist ein schwer greifbares Gefühl, wenn man nicht als Kind schon einmal im Urlaub an einem alten Gasthaus am Land vorbei gekommen ist, einem Gasthaus mit holzvertäfelten Wänden und Hirschgeweihen daran. Auch die rote Kinderrutsche, die im Garten dahinter in den Hügel eingefügt einen roten Plastikklecks in die Landschaft zaubert, darf bei diesem Bild nicht fehlen. "Österreich. Fotografie 1970-2000" vermittelt mit seinen Bildern dieses Gefühl vom Ende des letzten Jahrtausends und wirft damit die Frage auf, ob das wirklich das Land ist, das wir wollen, das uns von gewissen Politikern als gute, alte Zeit vermittelt wird.

Mit Lisl Pongers Fotos wird dann auch endlich das Thema Xenophobie aufgegriffen. Sie hat schon in den 1990ern "Ausländer" fotografiert, in traditionellen Kleidern ihrer Herkunftsgebiete und mit kurzen Zitaten deren Persönlichkeiten in den Vordergrund gerückt, um emotionale Grenzen abzubauen. Meiner Meinung nach sind diese Bilder ein bisschen ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, denn heute finden sich ähnliche Bilder mit ähnlichen Erklärungsversuchen in diversen Magazinen auf genau diese Art wieder. Vielleicht hat Österreich die gute, alte Zeit nicht ausreichend los lassen wollen oder konnte oder wollte sich in diesen letzten zwanzig Jahren nicht ausreichend anpassen.

Auch Gerhard Roth, dem eine große Wand gewidmet ist, schlägt in diese Kerbe. Sieben seiner Fotos sind dort mit Auszügen aus seinem Roman Der Stille Ozean unterlegt. Die Kritik an den Armutsverhältnissen, Egalität und der Aggressionen der Menschen könnten aus einer aktuellen Gesellschaftskolumne sein.

Ergänzt um weitere Aspekte durch Werke von Heinz Cibulka oder Valie Export ist mit "Österreich. Fotografie 1970-2000" eine Zusatzaufgabe gelungen. Eigentlich soll nur gezeigt werden, wie Österreicher Österreich wahrnehmen. Zusätzlich wird aber die Vergangenheit als Spiegel der Gegenwart benutzt und kritisch der Finger auf offene Wunden gelegt.

"Österreich. Fotografie 1970-2000" ist bis 8. Oktober in der Wiener Albertina zu sehen.

 

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