BILDENDE KÜNSTE

Die Tiefe von Schwarz

DAVIDSON 07 pr-1

Schwarz-Weiß. Gesichter, Pflanzen, Landschaften. Architektur und das Straßenbild der USA. Davidson fängt seit den späten 1940ern Stimmungen und Situationen quer durch das Land ein, später auch mehrmals im Ausland. Gesellschaftlich relevant waren besonders seine Fotos über Harlem, Brooklyn und die Bürgerrechtsbewegung in Alabama. Aber genug von den Lebenslauf-Details und zurück zu den eigentlichen Hauptdarstellern: Den Fotos.

DAVIDSON 12 pr 1Im Westlicht sind die Fotos klassisch chronologisch aufgehängt, die eindrucksvollsten  Bilder sind dadurch quer über die Galerie verteilt. Teilweise bietet sich die Schlussfolgerung an, dass die wichtigsten Fotos nur zu diesen geworden sind, weil sie die stärksten sind. Gar nicht vom Motiv, sondern vielmehr von Stimmung und Ausdruck ausgehend.

Einerseits sind das Portraits, die intensiv auf Personen eingehen. Davidsons Nahaufnahmen von Menschen sind keine Abbilder, sondern spiegeln etwas wieder. Nicht nur Stimmungen, sondern es wirkt als ob man direkt vor den Menschen stehen würde. Dazu gehören die berühmten Bilder des Clowns Jimmy Armstrong oder auch die Serie Garden Cafeteria. Die Cafeteria wurde in den 70ern hauptsächlich von jüdischen Auswanderern und Holocaust-Überlebenden besucht. Die Bilder aus der Zeit sind persönliche Portraits, das tiefe Schwarz der Hintergründe verstärkt die Gesichter noch mehr, jedem einzelnen ist ein bisschen die Lebensgeschichte abzulesen.

Oder auch die Portraits aus der 100th East Street in Harlem in den 60ern. Auf den Bildern sind häufig mehrere Menschen, trotzdem schafft Davidson sie sozusagen einzeln zu portraitieren. Also ein Bild mit vier Menschen, die vier unterschiedliche Stimmungen transportieren. Davidsons Szenen sind im Vergleich deshalb wesentlich tiefgründiger und vielfältiger als die Werke vieler anderer Fotografen. 100th Street ist generell eine sehr gesellschaftskritische Serie, in diesem Sinn ist sie ähnlich wie die vorhergehenden Brooklyn Gang/Coney Island. Spürbar ist aber, dass die Auseinandersetzung mit Rassismus Davidsons Blick für 100th Street schon geschärft hatte. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich liegt Davidsons Zeit in Alabama und mit den Freedom Riders dazwischen. Genauer gesagt: die frühen 60er, in denen Davidson sich mit den Südstaaten, Rassismus und der Bürgerrechtsbewegung auseinandersetzte. Möglich war das unter anderem wegen eines Guggenheim-Stipendiums, das er 1962 erhielt um eben die Bürgerrechtsbewegung zu portraitieren. Die Bilder dieser Zeit sind weniger auf Details konzentriert, greifen stattdessen mit weiten Bildausschnitten Stimmungen auf. Teilweise sind sie deshalb etwas oberflächlicher als spätere Werke, zeichnen sich aber durch ihre gesellschaftliche Relevanz aus. Schließlich gibt es nicht viele Fotografen, die bei Treffen des Ku-Klux-Klan dabei waren oder Martin Luther King Jr. bei der Vorbereitung auf eine Rede fotografieren konnten.

DAVIDSON 10 pr 1Das letzte Kapitel, das bei der Ausstellung aufgegriffen wird, ist Davidsons Spätwerk. Nature of L.A. entstand zwischen 2008 und 2013 und die gezeigten Fotos sind im Westlicht die einzigen, die gänzlich auf Menschen verzichten. Schon ab den 90ern haben einzelne Serien einen größeren Fokus auf der Natur gehabt, in L.A. fallen Menschen aber gänzlich weg. Stattdessen konzentriert Davidson sich auf Details, Pflanzenreichtum und die kleinen Sehenswürdigkeiten, die durch bauliche Zufälle entstehen. Gleichzeitig ist auf den Bildern der technologische Fortschritt sichtbar. Davidson fotografiert nach wie vor analog, trotzdem wirken die Konturen schärfer und das Schwarz schwärzer als auf alten Fotos. Möglicherweise ist Nature of L.A. aber nur wegen der Weiterentwicklung und der Vollständigkeit halber in der Ausstellung. Der wirkliche Zauber von Davidsons Bildern liegt nämlich in seiner Kunst, Menschen und Stimmungen auf Bilder zu bannen und wiederzugeben.


Die Bilder von Bruce Davidson sind bis 13. August in der Galerie Westlicht zu sehen.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top