BILDENDE KÜNSTE

Dunkles Licht und bewegender Stillstand

secession0101Die mit aktuell hochgradig politischem Material aufgeladenen Werke der amerikanischen Künstlerin Nicole Eisenman, die derzeit in der Secession ausgestellt werden, sind einen Besuch aus vielerlei Gründen wert!

BLAU. ROT. WEISS.
Ich frage mich: Welche Assoziationen haben andere Ausstellungsbesucher/innen mit dieser Farbkombination? Hinter mir betrachtet ein vietnamesisches Pärchen das Ölgemälde "Shooter 2", eine Gruppe britischer Pensionistinnen trudelt durch die verglasten Schwingtüren in den geräumigen White Cube der Secession  und steuert auf das mittig platzierte Bild zu, das eine Hand, die eine Pistole fest umschlossen hält – der Lauf scheint direkt zwischen die Augen des Betrachters gerichtet.

Jedenfalls ist meine Hauptassoziation in Verbindung mit dieser Ausstellung nicht "Amerika", sondern Trumps Amerika. Und jene festigte sich im Laufe meines Rundgangs auf vielerlei Ebenen. Denn nicht nur die Farbkompositionen in Eisenmans Bildern mit dem schier schreienden Rot und dem giftigen Gelb erinnert an das "Make America great again"-Kapperl, das Trumps Haupt viele Male bei öffentlichen Veranstaltungen während seines Wahlkampf zierte. Es ist vor allem die Aggression, die sich durch die figurative Malweise direkt an das Außen richtet sowie die klar abgegrenzten Bereiche innerhalb des Gemäldes, das auf den ersten Blick nur schwer eine differenzierte Sichtweise zulässt. Eine treffende und äußerst spannende Weise, populistische Rhetoriken und ihre Folgen in Malerei festzuhalten.

secession02ABGRENZUNG, AUSGRENZUNG, ANGRIFF
Doch nicht nur großflächige Ölgemälde, in denen schichtweise immer Neues zu entdecken ist, findet man im Erdgeschoss der Secession. Insbesondere habe ich mich über Zeichnungen der Künstlerin gefreut, die ihr als Studien und Vorskizzen dienen. Wie Eisenman beispielsweise die Pistolen-Idee varriierte und welche Wichtigkeit das Motiv der Einschusslöcher in ihren Werken hat, lässt sich in ihrer Vorarbeit nachvollziehen und bietet einen Einblick in den künstlerischen Prozess. Für mich besonders interessant sind zudem die schriftlichen Notizen auf den Zeichnungen, die eine comic-hafte Komponente hinzufügt, was dem Motiv des lauten Politikers äußerst gut entspricht und an Witz nicht missen lässt.

DIE RUHE VOR DEM STURM
In einem abgetrennten Raum gibt es am Schluss noch ein besonderes Schmankerl in Form einer Skulptur, die so viel Aktivität vermittelt, dass man kaum glauben kann, dass sich hier nichts bewegt. Übrigens: Das gegenteilige Gefühl beschleichte einen, wenn man vor dem Bild "Going Down River on the USS J-Bone of an Ass" steht, auf dem einfach "alles" den reißenden Bach runtergeht, aber eine bedrückende Ruhe eingekehrt ist. Eisenman hat die Gabe, die Ruhe vor dem Sturm – oder ist der Sturm schon längst übers Lang gezogen? – einzufangen.

"YOUR PENIS IS HOMELESS …"
Das Gedicht "To a Politician" von Bernadette Mayer, welches vielfach kopiert auf dem Büchertisch im Skulpturraum aufliegt, bietet einen erfrischenden Abschluss der Ausstellung. Die Wut bekommt ein Ventil, aus dem der Schimpf nur so raussprudelt – "a politician" wird von Kakerlaken ausgehöhlt, doch das ist eine Beleidgung der Kakerlaken, weiter geht’s zum Penis, der so klein ist wie die Kanüle einer Junkie-Spritze. Der Drang, sich vom Hass abzugrenzen, treibt die buntesten Blüten. Unbedingt vorbeischauen!


Nicole Eisenman
Dark Light
14. September – 5. November 2017

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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