BILDENDE KÜNSTE

Lieber Vollmensch als Halbgott

Zwei Stufen rauf in die überheizte 71er, eine der traditionsreichen Wiener Bims auf einer ihrer letzten Ausfahrten. Raus beim Schwarzenbergplatz, die Luft ist kühl und frisch, die Sonne untypisch stark für die frühe Tages- und die späte Jahreszeit. Ein paar wenige Schritte, dann ist man in einer Seitengasse, blickt empor zu einem mehrstöckigen, länglich geschnittenen Repräsentationsbau im neoklassizistischen Stil, der in einer architektonisch ärmeren Stadt die Aufmerksamkeit bekommen würde, die ihm zusteht.

schönberg01EIN ARCHIV WIE EINE SCHATZTRUHE
Im ersten Stock befindet sich das Arnold Schönberg Center, das seit 1998 den Nachlass des umtriebigen Künstlers beherbergt. International beachteter Mitschöpfer der Zwölftontechnik, geschätzt als Maler, Dichter, Theoretiker und sogar Erfinder, hat Arnold Schönberg vor allem eines getan: ein außerordentlich faszinierendes Leben geführt.

Die aktuelle Ausstellung „Arnold Schönberg im Fokus – Fotografien 1880-1950“ ist überschaubar aber gut kuratiert, und beleuchtet vorranging private Augenblicke im Leben des 1874 in Wien geborenen und 1951 in Los Angeles verstorbenen Komponisten: Kindheit, frühes Schaffen und erste nationale und internationale Erfolge, eheliche Turbulenzen, Aufenthalte in Berlin, Barcelona und Paris, gefolgt von der Emigration nach Boston und schlussendlich Los Angeles, aufgrund der zunehmend antisemitischen Stimmung in Wien.

„DIE ZUKUNFT WIRD JA ZEIGEN, WER WESSEN ZEITGENOSSE WAR.“
Die Ausstellung lädt explizit zum Anfassen ein, es fühlt sich ein bisschen an wie das halb-verbotene Wühlen in den Kisten auf Omas Dachboden. Von den offizielleren Portraits in schwarz-weiß und sepia starren einem, für die Epoche typisch, ausschließlich ernste Gesichter entgegen, darunter auch berühmte Zeitgenossen wie Albert Einstein oder Charlie Chaplin. Auf anderen erkennt man Schönbergs Schüler und später ebenso gefeierte Künstler Anton Webern und Alban Berg. Arnold Schönberg war zeitlebens bemüht, seine Kenntnisse weiterzugeben, und zeigte dabei eine erstaunlich progressive Herangehensweise an das Unterrichten: „Aber der Lehrer muß den Mut haben, sich zu blamieren. Er muß sich nicht als der Unfehlbare zeigen, der alles weiß und nie irrt, sondern als der Unermüdliche, der immer sucht und vielleicht manchmal findet. Warum Halbgott sein wollen? Warum nicht lieber Vollmensch?“

PRIVATE TURBULENZEN
Urlaubsschnappschüsse erlauben Einblicke in ein scheinbar glückliches Privatleben. Die Familie – Arnold, seine Frau Mathilde und die beiden Kinder – fährt zur Sommerfrische regelmäßig nach Gmunden. Auf einem der Fotos aus dieser Zeit taucht auch der junge Maler Richard Gerstl auf, zu dem Schönberg eine väterlich-freundschaftliche Beziehung pflegt. Aber auch Mathilde findet zunehmend Gefallen an dem vielversprechenden und ernsthaften jungen Mann. Es dauert nicht lange, bis der Komponist die beiden in flagranti erwischt, woraufhin die Geliebten für einige Tage nach Wien flüchten. Von dort schickt Mathilde jedoch reumütige Briefe an ihren Ehemann: „Weißt du daß man so unglücklich sein kann ohne zu sterben habe ich mir nie vorstellen können.“

Arnold Schönberg wird seiner Frau verzeihen, doch die Ehe ist fortan erkaltet. Für den jungen und talentierten Maler Richard Gerstl hat der Bruch mit dem in der Wiener Kulturszene gut vernetzten Schönberg weitaus schwerwiegendere Konsequenzen. Am 4. November 1908, im Alter von nur 25 Jahren, begeht Gerstl in seinem Atelier Selbstmord.

Mathilde leidet schwer an Richards Ableben, Schönberg lässt in einem Brief an dessen Bruder Alois jedoch andere, weniger ehrvolle Intentionen durchblicken: „Ich befürchte (…), daß vielleicht, wenn man die wahre Ursache des Todes Ihres armen Bruders erfährt, die Zeitungen mit Rücksicht auf meine Stellung in der Oeffentlichkelt ihrer Sensationslust die Zügel werden schießen lassen um in mehr oder weniger deutlicher Weise mich den unschuldig daran betheiligten lächerlich zu machen. Sie werden das wohl selbst nicht wollen, Ihr Bruder hätte es auch nicht gewollt! (…) Vielleicht ist es Ihnen möglich etwa Kränkung über Mißerfolge als Grund anzugeben.“

Arnold Schönberg: ein begnadeter Künstler, jedoch nicht frei von charakterlichen Schwächen. Kein Halbgott eben, aber ein Vollmensch.

"Arnold Schönberg im Fokus: Fotografien 1880-1950"
Arnold Schönberg Center, bis 16. Februar 2018.


Die Korrespondenzen zwischen Mathilde und Arnold Schönberg und Richard Gerstl sind zu finden auf www.richardgerstl.com.

 

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