BILDENDE KÜNSTE

Man Ray zu Besuch in Wien

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Wenn man an Man Ray (1890 – 1976) denkt, dann denkt man in erster Linie wahrscheinlich an Fotografie. Etwa verbunden mit Mode, wenn man Coco Chanel vor seinem geistigen Auge aufblitzen sieht, elegant in Schwarz gekleidet (wie soll sie wohl sonst bekleidet sein), mit einem von Perlenketten geschmückten Hals, erhaben das Gesicht von der Linse abgewandt. Vielleicht richtet sich das Bewusstsein jedoch auch auf experimentelle Arbeiten wie etwa der sogenannten Rayografien. Der erfolgreiche Versuch des Künstlers, kameralos zu fotografieren, quasi. Vielleicht denkt man aber auch an "Le Violon d'Ingres", eine der meist publizierten und reproduzierten Arbeiten Man Rays, die den nackten Rücken von Kiki de Montparnasse zeigt, verziert mit den zwei f-förmigen Öffnungen eines Violoncellos. Ziemlich surrealistisch, spürbar vielschichtig, vermutlich doppeldeutig, auf jeden Fall humorvoll.

manray02Erfinderisch und spielerisch, sich einer Vielzahl an Medien und Techniken aneignend, intermedial. So wird uns Man Ray, der eigentlich als Emmanuel Radnitzky auf die Welt kam, derzeit im Kunstforum Wien nähergebracht. Dass er nicht nur hinter der Fotokamera stand, sondern auch malte, zeichnete, designte, Texte verfasste, sich dem Film und der Objektkunst widmete, zeigt das Museum noch bis 24. Juni 2018. Mit internationalen Leihgebern wie etwa dem Centre Pompidou in Paris, der Tate London oder der Fondazione Marconi in Mailand ist eine vielfältige, elegante und teilweise wahnsinnig witzige Schau entstanden, die von Anfang an fesselt.

Stringent chronologisch wandelt man von einem Ausstellungsraum in den nächsten. Von frühen technischen Zeichnungen und fauvistisch/kubistisch anmutenden Gemälden hin zu Kollaborationen mit diversen Kunstschaffenden aus den Bereichen des Dadaismus und Surrealismus. Über fotografische Experimente und kommerzielle Aufträge hin zur Zusammenarbeit mit Lee Miller, mit der Man Ray zwischen 1929 und 1932 liiert war. Highlight: der große Hauptraum des Kunstforums. Auf den ersten Blick erinnert dieser entfernt an eine kleine Kuriositätensammlung. Der Eindruck entsteht durch die dort auffindbare Objektkunst, die wie "Ready Mades" à la Marcel Duchamp wirkt, jedoch von Man Ray um den Begriff des "plastischen Gedichts" erweitert wurde (z.B. "Cadeau", 1921). Rechts abgebogen und durch einen schweren, roten Samtvorhang geschummelt, findet man sich plötzlich in einem kleinen Kinosaal wieder und darf des Künstlers avantgardistische Filmversuche bewundern. Unter anderem wird dort "Les Mystères du Château du Dé" (1929) vorgeführt, ein Film, der nicht nur als Anspielung auf Stephane Mallarmés Gedicht "Un coup de Des jamais n’abolira le Hazard" verstanden werden will, sondern gleichzeitig vor stolzer Unlogik und Verfremdung nur so strotzt!

Grenzgänger, Impulsgeber und Netzwerker. Dadaismus und Surrealismus (und weit darüber hinaus). Mal kommerziell, mal ganz und gar nicht. Paris und New York. Gratwanderung zwischen etlichen Medien. Irgendwie hatte Man Ray überall seine Finger im Spiel. Zum Abschluss der Ausstellung wird zusätzlich auf die Aktualität, beziehungsweise die zeitgenössische Rezeption des Künstlers hingewiesen. Wenn man die Chronologie befolgt, so endet der Museumsbesuch also tatsächlich vor Depeche Modes Musikvideo zu "Barrel of a Gun“"(1997). Versprochen wird, dass dieses Video Bezug auf Man Rays Bildsprache aufzeigen soll. Man wartet. Und wartet. Und dann, wirklich, plötzlich ein vertrautes Bild. Man steht da und erwischt sich beim Gedanken: "Moment. War das grad Dave Gahan? Oder Kiki?"

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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