BILDENDE KÜNSTE

Anything goes?! – Die 90er im MUSA

Die Jahrzehnteausstellung "Die 90er Jahre", mit der im MUSA noch bis Anfang 2019 ein halbes Jahrhundert Auseinandersetzung mit österreichischer Kunst beschlossen wird, bietet viele gute Gründe für einen Besuch. Der Trend, Kultureinrichtungen wegen Luxuriositäten wie Klimaanlagen besonders hervorzuheben, widerstrebte mir in der Vergangenheit, doch angesichts schweißgebadeter Nächte ohne Ende in Sicht darf eine lindernd kühle Stunde in den schönen Ausstellungsräumen des MUSA nicht unerwähnt bleiben.

musa9002

Von Lucona bis Regierung Schwarz-Blau
Eine kleine Gedächtnisstütze: Die 90er Jahre werden in Wien mit dem "Lucona-Prozess" eingeleitet, dem größten politischen Skandal in der Zweiten Republik, die Jugoslawienkriege finden an den Grenzen Österreichs statt, das 1995 Mitglied der Europäischen Union wird, 1998 tritt die Rechtschreibreform in Kraft und im Jahr 1999 kam es zur Bildung der ersten schwarz-blauen Regierung. Ein durchwachsenes Jahrzehnt soll es auch in der Kunst werden – so der erste Eindruck bei der schieren Ansammlung aus Malerei, Fotografie, Film und Plastik. Ist das Motto dieses Jahrzehnts also: Anything goes!?

musa9003Wissende Kunst
Mittlerweile findet der zweite von drei Aufzügen der Jahrzehnteausstellung "Subversive Imaginationen" statt, der noch bis Oktober 2018 zu sehen ist. Ein ganzes Jahrzehnt lässt sich so leicht nicht fassen, schon gar nicht die 90er, in denen alles möglich zu sein schien, Genres und Richtungen existieren nebeneinander, die Gattungen häufen sich, werden fluid  – im Gegensatz zu den 80ern, die an der Schwelle zum Informationszeitalter ein Jahrzehnt der Malerei werden sollten. Die 90er haben diese Schwelle aber endgültig überschritten und das spiegelt sich in den Werken auf die eine oder andere Art wider. Peter Weibel, Künstler und Medientheoretiker, sieht in dieser Grenzüberschreitung die Neuigkeit der Kunst des neuen Jahrzehnts. Die Malerei bezeichnet er als "wissend"; es passiert zwar eine Rückkehr zum medial beftreiten Tafelbild, jedoch nicht "ohne die Spuren des Exodus zu leugnen". Der Ursprung, auf den sich die Malerei also beruft, ist die Geschichte und der Kontext der Visualität selbst.

Unternehmen Arschmaschine
Die wissende Kunst, die politisch aufgeladene, die in ihrer Materialität Kontext aus der Kunstgeschichte selbst und ihrer Gegenwart trägt, ist in den Räumen des MUSA in all seiner medialen Vielfalt aufgestellt. Gleich zu Beginn begrüßen den Besucher aufeinandergestapelte Röhrenfernseher, diese schweren, Wärme ausstrahlenden Monstren, die zu meiner Freude unter anderem ein 16mm-Video von Mara Mattuschka zeigen: "Unternehmen Arschmaschine" (1997) – ein höchst unterhaltsamer Schwarz-Weiß-Film, der sich dem Mysterium des schwarzen Lochs widmet, mit der Spaltung der Zelle offenbart sich nämlich ein ganzes Universum, das von zwei Frauen mit Sorgfalt und Wissensdrang untersucht wird.

Neue sexualle Avantgarde
Neben Frauenfiguren in Positionen von (körperlicher) Macht und Verletzbarkeit (Valie Export, Ines Doujak) setzt sich die Kunst der 90er Jahre mit Gender-Identifikation und Homosexualität auseinander. Hans Scheirls "Blaues Selbstportrait" zeigt einen Transgender-Akt, der an Egon Schieles Selbstbild "Sitzender Männerakt" erinnert. Das Schaffen der Transgender-Künstlerin, die erst kürzlich zu ihrem Werk vom "Performativen ihres Lebens" sprach, macht aufmerksam, auf eine Geschichte der Malerei und auf eine neue sexuelle Avantgarde, die keiner Geschlechterordnung unterliegt.

musa9001Secession sieht Rot
Für Aufregung sorgte 1998 Marcus Geigers kurzfristige Umfärbung der Wiener Secession in ein scheckiges "ordinäres Lippenstift-Rot". Das "rouge vulgaire" konnte nicht einmal vom Denkmalamt sanktioniert werden und durfte bis zur Generalrenovierung weiter schockieren – bessere Werbung konnte man sich für die Jubiläumsausstellung "Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit" nicht erhoffen!

Pretty in Plastics
Zum Abschluss möchte ich noch auf die Skulpturen verweisen, die Elemente aus Kitsch und Ironie in sich verbinden und spannende Materialen aufgreifen wie der "Orangenbaum" von Renate Bertlmann, eine große Plastikskulptur mit orangen Styroporbällen. Dann gibt’s da noch ein rostiges Kettenhemd und goldig-glatte Plastiken von Bruno Gironcoli.

Die Ausstellung ist einen und sogar mehrere Besuche wert und wenn man der Hitzewelle endgültig überdrüssig ist und gerne Hintergrundinfos zu den 90er Jahren, der florierenden Kunstszene und seinen ProtagonistInnen haben möchte, bietet es sich umso mehr an, den Katalog zu schnappen und sich damit in eine ruhige, kühle Ecke zu verziehen.

 


MUSA
Die 90er Jahre
2. Aufzug – Subversive Imaginationen
12.7. – 30.9.2018

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top