FILM

Ein Ausflug in die eigene Vergangenheit

"Unten". Unten ist Kroatien, Serbien, Jugoslawien. Ganz klar ist das aber nicht immer. Es verschwimmen Grenzen, die Erinnerungen sind allerdings klar. Denn jeder trägt seinen eigenen Hintergrund mit sich herum. Djordje Čenić arbeitet diesen Hintergrund in der autobiographischen Dokumentation "Unten" auf und gibt dabei Einblicke in die Geschichte des österreichischen Gastarbeitertums und der serbokroatischen Kultur.

unten02Djordje Čenić ist in Linz aufgewachsen, als Gastarbeiterkind. Sein Vater Raiko arbeitete bei der Voest, die ehemals staatliche Stahlfirma in Linz hat ihn geprägt. Die Stelle seiner Mutter Milica bei Semperit war dagegen eine Seltenheit, viele Frauen von Gastarbeitern blieben mit den Kindern in Jugoslawien, während die Männer Geld verdienten. Čenić ist wegen ihres Wunsches zu arbeiten in Linz aufgewachsen. Bis auf eine kurze Zeit, die er bei einem Onkel in Kroatien verbrachte und die prägend für die ganze Familie war.

Für Čenić scheinen kulturelle Kontraste während des Aufwachsens kaum eine Rolle gespielt zu haben. Teilweise auf sprachlicher Ebene, mit verspätetem Lernen der deutschen Sprache und dem Kontrast zwischen den eigenen Arbeiterwohnungen während des Aufwachsens und den Schulkollegen, die eigene Kinderzimmer haben. Trotzdem geht es bei "Unten" nicht nur um Integration oder Unterschiede, der Film ist mehr als eine Autobiographie. Er wechselt zwischen Stille und Erzählung. Manchmal genügt die Landschaft, die einzelne Stimme, die erzählt und Geschehenes aufzeigt oder verarbeitet. In anderen Szenen überwiegt dagegen die Vergangenheit. Alte Filmausschnitte, Fotos, die Erzählungen von Zeitzeugen. Aus dem alltäglichen Leben selbst oder auch Geschichten seines Großvaters, der vom Krieg erzählt. Von Soldaten, die zum Spaß Häuser anzünden und aus Freundlichkeit nicht töten.

Wobei. Die Konflikte, die in "Unten" aufgezeigt werden, bewegen sich manchmal auch entlang schmaler Grenzen. Das Heimatdorf in Kroatien ist beispielsweise gar nicht in Kroatien, sondern zählt plötzlich zu Serbien. Der aufstrebende Nationalismus der einzelnen Staaten beziehungsweise Glaubensgemeinschaften ändert alles. Einerseits arbeitet Čenić in dem über sechs Jahre entstandenem Film Persönliches auf, andererseits zeigt der Film auch größeren Probleme, wie beispielsweise die Frage nach der Nationalität. Noch jetzt diskutieren verbleibende Dorfbewohner darüber, ob Glaube oder Nationalität entscheidend ist, ob man Serbe oder Kroate ist.

Gleichzeitig gibt es immer noch die Gegenwart. Was mit den Menschen passiert ist, wie sich einzelne Ereignisse auswirken. Beispielsweise auf die verlassenen Dörfer. Zuerst, weil die Jugend der Arbeit nach zog, um mit genügend Geld zurückzukommen. Anschließend, weil die neu gebauten Häuser vom Krieg zerstört wurden. Übrig bleiben die Alten. Die nun mit der Situation leben müssen, selber Tiere töten, weil es keine Fleischhauer mehr gibt und im Dorfbild teilweise noch vom Krieg zerstörte Häuser dazwischen stehen haben.

Andererseits hat der Film eine seltsame Leichtigkeit. Čenić unterlegt szenische Aufnahmen mit Liedern, singt kroatisch vom Altern, vom Krieg und begleitet das Ganze mit leichten Gitarrenklängen. Gleichzeitig aber auch von der Wiener Straße, von den Wohnungen, vom Stahl, wiederum eindringlich und eher schon mit Ohrwurm-Qualität. Auch die untertitelten Aufnahmen haben nicht die häufige Schwere von Dokumentarfilmen, sondern veranschaulichen einfach nur einen weiteren Hintergrund. Laute Aufnahmen von vielen Menschen, manches ist deshalb auch knapp an der Grenze zum Klischee.

Insgesamt zeigt "Unten" aber einfach eine Geschichte. Eine Geschichte, die symbolisch steht für die Geschichte vieler. Von Gastarbeitern, ihren Kindern und den Konflikten während der Vermischung der Kulturen. Ein bisschen eine Geschichte, wie sie öfters nötig wäre.

"Unten" feierte beim "Crossing Europe" Festival Ende April Weltpremiere in Linz.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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