FILM

El Topo

eltopoBevor Alejandro Jodorowski mit „The Holy Mountain“ im Jahr 1973 endgültig seinen Status als Ausnahmeregisseur zementierte, gelang ihm 1970 mit dem u.s.-mexikanischem Western „El Topo“ (dt.: „Der Maulwurf“) ein Meilenstein des surrealen Films und sein Durchbruch als Filmschaffender. Ein interessantes Detail am Rande sei erwähnt, und zwar dass der Film in Deutschland von 1987 an bis 2012 auf dem Index war. Jodorowsky gibt sich wieder die Ehre als der Namensgebende Revolverheld El Topo in der Hauptrolle. Sein Sohn Brontis Jodorowsky, der auch im Film seinen Sohn mimt, ist diesmal ebenso im Mittelpunkt des Geschehens.

Eine Gestalt ganz in Schwarz, auf dem Rücken eines Pferdes der gleichen Farbe und geschützt mit einem ebenfalls schwarzen Sonnenschirm reitet einsam durch die Wüste. An einem Pfahl angekommen, steigt die Gestalt ab und man erkennt, dass sie ein bis auf einen Hut nacktes Kind bei sich hat. Dem Kind wird befohlen, sein erstes Spielzeug und ein Porträt seiner Mutter zu vergraben, während die dunkle Figur dazu Flöte spielt, die Finger mit schwarzen Lederbändern umwickelt, die an die Teffilin (Gebetsriemen) des jüdischen Glaubens erinnern.

So wie die erste Szene voller psychischer Gewaltdarstellung steckt, so scheut der Film auch nicht vor physischer Gewalt zurück. Literweise Blut bildet den alttestamentarischen Fluss der Plagen, an seinen Ufern verstümmelte Leichen von Mensch und Tier, so verwaist die Szenerie auch scheint, umso lauter die Geräuschkulisse. Gegensätze, die nicht nur das Genre des Westernfilms dekonstruieren, sondern auch die Meistererzählung des Revolverhelden, eine Entwicklung, die bei „The Holy Mountain“ weitergeführt wird, bis schließlich der Film selbst als Scheinwelt seine Dekonstruktion erfährt. Duelle verkörpern entgegengesetzte Wünsche und Träume, Konflikte zweier Individuen, die auf der Suche nach der eigenen Wahrheit aneinander geraten. Doch der Sieg ist fraglich, denn wie gewinnt man gegen einen Gegner, der nicht kämpft? Und ist ein Sieg, nach einem zweiten Blick, auch wirklich ein Sieg?

Die für Jodorowsky typischen Symbolismen sind zwar noch nicht so raffiniert wie beim Nachfolgewerk, aber lassen auf jeden Fall dessen Ambitionen erkennen. Warum der Film den Titel „El Topo“ trägt, ist im zweiten Abschnitt der Geschichte sehr deutlich dargestellt, fast untypisch klar. Auch Themen wie gleichgeschlechtliche Liebe und nicht nur deren Toleranz sondern auch Akzeptanz werden im Film an mehreren Stellen verhandelt.

Kritische Stimmen behaupten, der Film sei eine narzisstische Selbstinszenierung Jodorowskys, sie wollen ganz klar misogyne Züge in der Handlung des Films erkennen. Doch für eine bloße Selbstdarstellung ist der Film zu aufwändig darauf bedacht, nicht das Individuum sondern seine Umwelt zum Objekt der genaueren Untersuchung zu machen. Frauenfeindliche Tendenzen sind zwar im Film dargestellt, aber sie werden weder verherrlicht noch bleiben sie ungesühnt. Der Unterschied zwischen einer Erzählung, die misogyne Charaktere enthält, und einer an sich frauenfeindlichen Erzählung sei hier hervorgehoben.

Sicherlich kein Popcorn-Film, der einem selbst nach mehrmaligen Ansehen noch Rätsel aufgeben dürfte. Eine interessante Beobachtung stellte ich übrigens in etwa in der Mitte des Films fest und zwar, dass ich mich nach dem Konsum von mehreren Jodorowsky-Filmen überhaupt nicht mehr über über Erzählsprünge oder scheinbar durcheinander geratene Handlungsabläufe wunderte, sie sogar kaum mehr wahrnahm - eine interessante Selbsterkenntnis.

 

 

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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