FILM

Carpenters Alpenausflug

blutgletscherEs gibt viele Stimmen unter den Horrorfilmfans, die wenig begeistert waren vom "The Thing"-Remake von vor ein paar Jahren: zu viele Computeranimationen (CGI), zu wenige handfeste Effekte (Practical Effects). Ein Fauxpas im Genre, bedenkt man vor allem die Arbeit von John Carpenter im Original von 1982. Marvin Krens "Blutgletscher" (2013) dagegen bietet handgemachtes Puppeteering der Sonderklasse, ohne Alpenkitsch und Austro-Fremdschäm-Faktor.

Eine entlegene Forschungsstation in den Alpen, drei Wissenschaftler und ein Bergführer Janek (Gerhard Liebmann) verleben Tag um Tag in ihrem kleinen Mikrokosmos. Hie und da kleine Aversionen unter Kollegen, nichts Reißerisches. Doch dann ein Anruf: Die Umweltministerin will die Forschungsstation besuchen, es geht um Publicity, es geht um Forschungsgelder. Doch nicht genug, dass Fremde auf den Berg kommen, denn angeführt werden diese ausgerechnet, wie kann es denn auch anders sein, von Tanja (Edita Malovcic), der Exfreundin Janeks. Als die Forscher dann schließlich noch einen Organismus im Schmelzwasser eines Gletschers entdecken, der Mutanten hervorbringt, indem er mehrere Tiere kombiniert, kann der Spaß losgehen und man ist gewillt zu sagen: Hirn abschalten und los! Doch weit gefehlt, denn hinter der Fassade eines vermeintlich seichten Horrorfilms brodelt es gewaltig.

Nicht nur Umweltthemen wie die Klimaerwärmung werden angesprochen, sondern auch die Charaktere sind schlichtweg sehr österreichische Milieustudien, die in der Übersetzung auf Englisch leider verloren gehen, sieht man sich die Rezensionen auf IMDB an. Kleine Geplänkel zwischen deutschen und österreichischen Charakteren, das Gehabe der Ministerin (Brigitte Kren) und Dialoge wie (schreiend): "Hören sie auf eine Banane zu fressen, wenn sie weinen!", oder "Des haast, da drauss‘n rennt a Schweine-Bär-Adler umanaunda?" kann man einfach nicht übersetzen oder erklären, man muss sie fühlen. Ein Film über Monster in den Alpen, Isolation und auch Sprachlosigkeit aus Österreich spricht Bände und genauso könnte man zig Bände verfassen, beim Analysieren der Verbindungen zwischen den Figuren und ihrer Umwelt.

Oft liest man, dass das begrenzte Budget sich an den Monstern zeigt, was ich persönlich nicht ganz nachvollziehen kann. Dass diese nicht zig Meter groß sind und ständig vollbeleuchtet im Bild herumwackeln, ist eher ein Plus-, als ein Minuspunkt für mich. Es zeugt von Gespür für Spannung und Horror, dass Kren weiß, zu welcher Zeit weniger einfach mehr ist. Auch interessant ist zum Beispiel, dass die einzige Waffe im Film, neben einer Pistole, ein Jagdgewehr ist und kein vollautomatisches Maschinengewehr a la "Rambo", wie es in einem amerikanischen Film sicherlich aufgetaucht wäre. Es sind solche kleinen Details, die andere Filme scheitern lassen, weil es einfach nicht ins Setting passen würde.

"Blutgletscher" ist ein österreichischer Creature-Horrofilm mit Oldschool-Faktor, der sich bei weitem nicht hinter Produktionen aus Übersee verstecken braucht. Denn wo das Budget knapp wird, da brillieren hier die Filmschaffenden gerade erst recht und machen aus einem Nachteil eine Tugend.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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