FILM

Fritz Langs Dr. Mabuse: Was Stummfilm besser kann als Netflix

Unser Jahrzehnt zelebriert Retro. Aus den Bars schallt Elektro-Swing; Melonenhüte und Hosenträger haben die Schaufenster zurückerobert. Allein unsere Bildschirme verwehren sich zumeist dem Charme der schwarz-weißen Klassiker – daran konnte auch der Oscar-Erfolg der französischen Tragikomödie "The Artist" im Jahr 2012 nichts nachhaltig ändern. Höchste Zeit für ein Plädoyer für den Stummfilm, und somit auch für Beweismittel A: Fritz Langs Klassiker "Dr. Mabuse", der vor 95 Jahren uraufgeführt wurde.

Zweifellos gehört das Medium Film zu den wundersamsten Kindern, die die Kunst je geboren hat. Ende des 19. Jahrhunderts lernten die Bilder laufen, lange bevor sie 1927 ihr erstes Wort sprachen. Dazwischen lagen die drei glorreichen Jahrzehnte des Stummfilms. Neben Charlie Chaplin und Buster Keaton zählt auch das österreichisch-deutsche Regie-Genie Fritz Lang zu den Ikonen der Motion Pictures. Sein Thriller-Zweiteiler "Dr. Mabuse", Adaption einer Romanvorlage des Luxemburger Romanciers Norbert Jacques, ist ein surreales und gesellschaftskritisches Meisterwerk.

mabuseUnd für diesen fast hundertjährigen Film sollte man seinen Netflix-Marathon unterbrechen? Ja, denn schließlich war es der Stummfilm, der das Fundament für noch heute omnipräsente Handlungsbögen und Charaktere legte. So spielt der machtbesessene Hypnotiseur und Chef eines Geldfälscher- und Falschspielerrings, Dr. Mabuse, skrupellos mit menschlichen Schicksalen, und wird so zum Archetypen des psychotisch-genialen Intriganten – im Filmkurier vom 24.2.1922 treffend beschrieben als "der geheime Drahtzieher all dieser Verbrechen, der unheimliche Psychologe, der Verbrecher am Geistigen, der Ausbeuter der Gesellschaft (…)". Seine Reinkarnationen treffen wir noch heute in ingeniösen Puppenspielern wie Frank Underwood in "House of Cards" oder Walter White in "Breaking Bad".

Stummfilme forcierten den Fokus von Schauspielern und Zuschauern auf die Sinneskraft, die beiden zu ihrem Namen verhalf: dem Schauen. Darsteller wie Rudolf Klein-Rogge alias Dr. Mabuse waren Virtuosen des pantomimenhaften Mienenspiels, und die Augen der Kinobesucher waren an das an visuellen Effekten orientierte Geschehen auf der Leinwand gefesselt. Für ein modernes Publikum, so vertraut mit Julia Roberts glucksendem Lachen und Morgan Freemans legendärem Bass, ist der Stummfilm ein reizvolles Lehrstück über die Ausdruckskraft von Mimik und Gestik. Außerdem waren Stummfilme zwar stumm, aber nicht still. Neben den Zwischentiteln, die in schnörkeliger Serifenschrift die Dialoge wiedergaben, gab es Live-Klavierbegleitung. Ab 1914 wurde auf Kino-Orgeln Musik erzeugt, die ein ganzes Orchester imitierte, und deren Variationen in Horror-Film-Soundtracks weiterleben.

Im Kontrast zur rasanten Schnitttechnik des modernen Films, ermutigen Stummfilme auch zur Wiederentdeckung der Langsamkeit. Zugegeben: In der Zeit in der Mabuse seinem Widersacher einen markerschütternden Blick zuwirft, hat Tom Cruise sich von mindestens drei Hochhäusern abgeseilt. Aber gerade deshalb beeindruckt nach wie vor, wie gekonnt der experimentierfreudige Fritz Lang durch bedächtiges Spiel mit Zoom, Licht und Schatten Atmosphäre und Spannung kreiert.

Die Filme der 20er illustrieren nicht nur den Beginn einer neuen Kunstform, sondern sind auch wertvolle Zeitdokumente. Entsprechend ihrer Titel, spiegelten und kritisierten "Dr. Mabuse – Der große Spieler. Ein Bild der Zeit" und "Inferno - Ein Spiel von Menschen unserer Zeit" den Geist der Weimarer Republik. Eine damalige Filmkritik lokalisierte den Grund für den überwältigenden Erfolg der Premiere genau darin, "dass es sich um einen typischen Zeitfilm handelt. (…) Hier [e]rkennt das Publikum sich selbst in seiner Umwelt wieder und – freut sich".

"Dr. Mabuse" führt zurück in eine Ära, in der Film noch Magie war, und zwei Millionen Kinobesucher täglich die "Lichtspielhäuser" stürmten. Doch, obwohl die Zuschauer den Stummfilm vergötterten, wurde er mit der Ankunft der Talkies in den späten 20ern abrupt zum Schweigen gebracht. Unser retro-verliebtes Zeitalter wäre der perfekte Moment, ihn endlich wieder zu Wort kommen zu lassen.


Teil 1: "Der große Spieler - Ein Bild der Zeit"
Teil 2: "Inferno, ein Spiel von Menschen unserer Zeit"
Regie: Fritz Lang
271 min (Murnau Stiftung Restaurierung)

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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