FILM

Serien als kulturindustrielles Phänomen – Teil I

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In den letzten Jahren erfreuen sich Serien auf Video-on-Demand-Plattformen einer stetig wachsenden Beliebtheit. So haben Meinungen, die zumindest die technische Qualität von Serien zurecht als ansteigend anerkennen, nicht lange auf sich warten lassen. Das Ergebnis ist, dass viele heute eher Serien als Filme schauen. Hat dies mit einer qualitativ-höheren Wertigkeit im Vergleich zu Filmen zu tun oder mit einer quantitativen Mehrwertsteigerung der Serie als Kulturware? Als gelobtes ästhetisches Merkmal wird unter Anderem die tiefere Charakterzeichnung von handlungsimmanenten Figuren genannt, welche ihrerseits in der insgesamt längeren Laufzeit ihren Ursprung finde. Dem Thema der Charakterzeichnung und der psychologischen Tiefe dieses Erzählkonzeptes werden wir uns jedoch in dem nächsten Text widmen. Zuerst behandeln wir die Struktur der Serienindustrie als solcher und ihren Rückbezug auf das episodische Erzählen.

Das scheinbar offen-dramaturgische Konzept der meisten Serien verliert dadurch an Konsequenz, dass am Ende jeder Episode zwar die Geschichte in ein weiteres Fragment aufgespalten wird, jedoch das Dogma einer geschlossenen Dramaturgie mit der Erfüllung eines An-Der-Hand-Haltens des Zuschauers in einer runden und umfassenden Handlung resultiert. Gleichermaßen bedenklich ist das im Grunde wirtschaftliche, im Ergebnis in ein künstlerisches Produkt gezwängte Bedienen sämtlicher Bedürfnisse des modernen Menschen, welches vor allem in der Benutzung von Cliffhangern mündet. Dadurch verliert das Prinzip der geschlossenen Dramaturgie, die viele Serien aufgrund ihrer narrativen Strukturierung besitzen, an Stringenz, da sie eben obligatorische Faktoren wie Ordnung, Entwicklung, Kohärenz und die Lösung von Konflikten offen lassen und beliebig nach hinten verschieben. So reservieren sich die Produzenten die Möglichkeit weiterer Episoden, Staffeln und ähnlich-weiterführenden Formaten, um bei passender Marktlage die Variation des Immergleichen aufrechterhalten zu können. Falls eine Idee die Konsumenten nicht stillen kann, wird ein neues Format mittels eines Pilotfilms oder einer Pilotstaffel erprobt, welches mit den oben genannten Methoden der Kulturindustrie weiter ausgenutzt wird. Dass hierbei wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, bedarf kaum einer Erläuterung. Die Kunst wird schlichtweg zur Ware.1

Der Zuschauer wird zwangsläufig Konsument, indem er auf den Anbieter (Netflix etc.) angewiesen ist und auf das jeweilige Angebot beschränkt wird. Die Klassifizierung von Filmen und Serien endet allerdings nicht bei eben diesem Angebot des Anbieters, sondern erst bei der Klassifikation und dem Erfassen des Abnehmers selbst. Einteilungen in Genres und Serien- (und Film-) vorschläge durch marktforschende Berechnungen des Sehverhaltens vom Zuschauer führen dazu, dass der passive Konsument nicht als Individuum, sondern als kontrollierbare Einheit, wirtschaftliches Gut, als eine entmenschlichte Arbeitskraft gesehen wird und dementsprechend auch in seiner Freizeit nicht aus dem Arbeitskreislauf auszubrechen vermag, sondern als Verbraucher Teil davon bleibt.²

Auf diese Weise wird die Orientierung des Konsumenten ent- und übernommen, der unter dem Ausschluss des Neuen, die Einbahnstraße des Angebots fährt und falls es die eine Serie nicht bei dem einen Anbieter gibt, kann dieser immer noch weitere Angebote (beispielsweise Amazon Prime) in Anspruch nehmen. Durch die Mechanismen und die Beschaffenheit dieses Marktes, soll der Konsument sich auf das Serienschauen, das Konsumieren alleine, konzentrieren und wird dementsprechend auf sein systematisches Verhalten reduziert. Das marxsche Zitat, dass die Nützlichkeit eines Dings das Ding zum Gebrauchswert mache, bekommt damit einen neuen Bezugspunkt. Wie das Konsumprodukt Serie letztendlich zusätzlich ästhetisch den Gebrauchswert seines eigenen Warencharakters unterstützt, wird Gegenstand des nächsten Artikels sein.

 


1 Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: „Kulturindustrie“ in „Dialektik der Aufklärung“, S. Fischer Verlag, 1988, Seite 130ff.
2 Ebd. Seite 132

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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