FILM

Serien als kulturindustrielles Phänomen – Teil II

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Im letzten Text wurde beschrieben, dass Serien als ein Stillen unserer Bedürfnisse fungieren, indem sie durch die industrielle Fertigung auf ihren kapitalistischen Gebrauchswert ausgerichtet sind. Auch die ästhetischen Eigenschaften einiger Serien weisen auf den gleichen Effekt hin.

Die Anekdote, dass wenn eine Serie aufhört, einige Zuschauer ihren Lebenssinn verlieren würden, enthält ein Fünkchen Wahrheit. Figuren, die über geraume Zeit als Vertraute, Freunde erschienen, sind plötzlich mit dem Ende einer Serie nicht mehr in den Alltag eines Rezipienten eingebunden. Über die Zeit einer laufenden Serie entwickelt der Zuschauer ein identifikationsbasiertes Vertrauen gegenüber empathischer (und auch nicht empathischer) Figuren. Die Merkmale aus der Vertrauenstheorie sind dafür gegeben. Die regelmäßige Kommunikation ist vorhanden, da man bei einer Serie durch ihre Dauer eine längere Zeit mit den Figuren mitfiebert und durch eine überdramatisierte Emotionalisierung eng zusammenlebt. Gleichwohl entwickelt sich eine Sympathie und eine Gemeinschaft zwischen Zuschauer und Figur. Die Identifikation mit den Werten, Zielen und Bedürfnissen eines Charakters ist selbstverständlich ein ebenso oft genutztes Mittel der Zuschauerbindung. So entwickelt sich schnell eine emotionale Bindung, die meistens als Informationskanal den Dialog wählt. Leider nimmt deswegen das Audiovisuelle bei den meisten Serien generell in seiner Kreativität stetig ab. Der Inhalt überwiegt und die Form spiegelt den Inhalt ohne zusätzliche Bedeutung wieder nach dem Prinzip der Mise en abyme.

Die großen Künstler jeglicher Zeiten spiegelten jedoch nicht den Inhalt in ihrer Form wieder, sondern erschufen durch ihre Form den Inhalt. Die ästhetische Form bedingte den Inhalt bei Künstlern wie Salvador Dali, Ludwig van Beethoven und Stanley Kubrick. Durch die qualitativen Einsparungen der Unternehmen werden Serien (und Filme) heutzutage immer mehr zu schnell-produziertem Abfilmen von redenden Leuten. Diese Diskussion besitzt seit der Entwicklung des Tonfilms eine wichtige Rolle in der Filmgeschichte.1 Deswegen Dialog per se zu verteufeln, ist der falsche Weg, doch es sich als Erschaffer und dem Zuschauer einfach zu machen, indem man einen Off-Erzähler und Dialoge durchgehend für das Kommunizieren einbaut, ist nicht nur unkreativ, sondern gebrauchsorientiert. Fokussiert man sich beim Produzieren einer Serie und Ansehen dieser auf den Dialog, dann wird sie eine große Ähnlichkeit zum Theaterhaften haben.²

Das Filmische hat allerdings eine eigene Ästhetik, die wenig mit der des Theaters zu tun hat. Ähnlich der Fotografie abstrahiert die Kamera die Wirklichkeit (wie in meinem vorletzten Artikel thematisiert) und schafft damit eine neue Wahrnehmung dieser. Doch weshalb - trotz dieser obligatorischen Abstraktion - sowohl der Zuschauer als auch der Produzent von Serien, die wirklichkeitstreue Komplexität von Figuren, Objekten und die Erschaffung einer epischen Welt im Blick hat, ist abseits des marktwirtschaftlichen Nutzens schleierhaft. Die quantitative Ebene der Zeit ist nicht die Qualitative. Charakterliche Tiefe entsteht nicht durch das Aussprechen bestimmter Eigenschaften und auch nicht durch die mechanischen Entwicklungen in einem Drehbuch, sondern im Einfangen von menschlichen Gefühlen, Blicken und Gesten. Jenem Teil also, den man eben nicht beschreiben kann, den wir vielmehr Tag für Tag erleben.³

Begreift man das Ausformulieren psychologischer Verhaltensformeln durch dramatische Figuren als ästhetischen Tiefgang des Erzählens, beginnen wir uns den Möglichkeiten der Darstellungsformen, welche die historischen Bewegungen des Filmes (der Expressionismus, die Nouvelle Vague, der Neorealismus, der Avantgarde- und Experimentalfilm, etc.) in Gang gesetzt haben, zu entsagen und uns somit auf tradierten, verbaliten Schemata der Ästhetik auszuruhen. Normen und Traditionen verkaufen sich besser, neue Konzepte sind ein Risiko. Und so werden wir mit den gleichen Inhalten zugeschüttet bis unser Verständnis von Kunst lediglich zwischen Konsumprodukten "unterscheiden" kann, sowohl wegen des Angebots als auch aufgrund der Nachfrage.


1 François Truffaut: "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?", Wilhelm Heyne Verlag, 1999, S. 53f.
2 Andrej Tarkowskij: "Die versiegelte Zeit – Gedanken zur Kunst, Ästhetik und Poetik des Films", Alexander Verlag Berlin, 2009, S. 92f.
3 Robert Bresson: "Notizen zum Kinematographen", Alexander Verlag Berlin, 2007, S. 58

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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