FILM

Romeo, Julia und diese Kratts

Rainer Sarnets "November" ist eine polnisch-estnisch-niederländische, multinationale und auch transnationale Produktion der Sonderklasse. Die schwarz-weißen Bilder des Films schwanken stets zwischen Melancholie, die niemals endgültig deprimierend ist, und einem gewissen Hauch von Zauber, der jedoch niemals kitschig oder naiv wirkt. Eine wirklich bemerkenswerte Welt wird dadurch dem Zuschauer präsentiert.

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Eine gelungene Einführung in die seltsame Fabelwelt Estlands ist "November" auf jeden Fall, aber auch seine Wirkung als gelungene Charakterstudie im ländlichen Milieu der Neuzeit sollte nicht außen vorgelassen werden. Ich schreibe hier "Estlands Fabelwelt", doch dabei sind Handel mit dem Teufel, das erschaffen von Homunculi und Golems, oder in diesem Falle "Kratts", bei weitem kein fremder Sagenstoff für Wiener. Wir selbst haben unzählige Sagen, in denen Narren ihre Seele dem Teufel versprachen, im Glauben ihn überlisten zu können. Und genau wie in den Wiener Sagen, funktioniert es auch im Film hie und da, aber nicht immer.

Gleich die erste Szene im Film ist so fremdartig, wie man es sich nur vorstellen kann. Wir sehen ein Gebilde aus drei Ästen, an deren Enden verschiedene Werkzeuge befestigt sind und an den anderen Enden miteinander verbunden sind. Inmitten dieses Gebildes steckt ein Kuhschädel, und es bewegt sich, einem Riesenrad gleich, über eine Wiese fort, bis es zu einem Stall kommt. Die versperrte Tür wird kurzerhand aufgebrochen und so dringt das Gebilde in den Stall ein um die dort angebundene Kuh zu stehlen, indem es das Tier mit einem Seil umwickelt und es, einem Helikopter ähnlich, abhebt und die Kuh mitsamt davonträgt.

Die Szene wirklich als bewegte Bilder zu sehen, ist schon etwas Eindrucksvolles, was ich hier in schriftlicher Form wirklich nur radebrecht wiedergeben kann. Sie verbindet nämlich nicht nur das Element des Übernatürlichen, den "Kratt", wie in der nächsten Szene verraten wird, mit dem Element des Alltäglichen, dem Kuhdiebstahl, sondern auch Stilelemente vom Film Noir, und nicht nur auf Grund der S/W-Bilder, sondern eher auf Grund des Gefühls der Isolation und Langsamkeit, mit Motiven, die eher im tschechischen Märchenfilm zu sehen sind. Allein deshalb ist schon diese erste Szene gut gewählt, da sie den Grundton des gesamten Films gut wiedergibt. Auch die Bedeutung der estnischen Homunculi wird hier verdeutlicht, sind sie später sogar für die zentrale Liebesgeschichte unabkömmlich.

Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass es für Freunde des extremen Horrorfilms auch einen kleinen, aber feinen Bonus in der Person Dieter Lasers gibt, der hier einen tollen verrückten deutschen Baron abgibt. Zwar nicht ganz so verrückt, wie Dr. Heiter in "The Human Centipede", aber trotzdem sehr unterhaltsam.

Ein guter Eröffnungsfilm für ein ambitioniertes Filmfest wie das "LET'S CEE", aber auch - oder eigentlich vor allem - eine interessante Geschichte, die bewegt und nachdenklich macht.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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