FILM

Die Krise der Filmmusik

Ein leider zu oft unterschätzter Bereich der filmischen Ästhetik stellt seit Anbeginn der Filmgeschichte die Filmmusik dar. Die Unterschätzung dieser begrenzt sich nicht auf den Aspekt ihrer Benutzung, sondern offenbart die allgemein-fehlende Wertschätzung eines tendenziell wichtigen Bereich des filmischen Raumes.

Begann das Dilemma bereits früh in einem Zeitalter, in welchem die öffentlich zutage tretende Missgunst gegenüber des schändlichen Wechsels erst anerkannter, dann gebrandmarkter Komponisten1 aus der klassischen Musik in die unterhaltende Filmmusikbranche selbst bei Wissenschaftlern² vertreten war, so erlebte die Filmmusik bis zur heutigen Zeit keine spürbare Statuserhöhung innerhalb der ernsten Musik. Zwar schrieben Komponisten wie Schostakowitsch auch Filmmusik und erweiterten die Gattung um interessante Gedanken, doch scheinen diese wenig Einfluss auf den Großteil der Filmmusik genommen zu haben. Ausnahmen finden sich inform einzelner Streuungen intelligenter Impulse, die meistens zu wenig beachtet werden oder aber von den üblichen Verdächtigen (wie Ennio Morricone) stammen.

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Ein Beispiel für die zu geringe Beachtung ist John Zorn, der sich über die Jahre nicht nur zu einem der produktivsten Avantgarde-Komponisten entwickelte, sondern vor allem mit einem Ideenreichtum aufwartet, der heutzutage selten anzutreffen ist. Zorns Musik wirkt nicht nur oft visuell, sondern ist musikalisch in jeglichen Hinsichten interessant. Seine Filmworks-Serie, die immerhin aus 25 Veröffentlichungen besteht, bedient sowohl konventionelle Strukturen als auch etliche Versuche aus den Regeln der (Film-)Musik auszubrechen. Der große Vorteil besteht bei Zorn darin, dass er laufend einige der talentiertesten Musiker um sich versammelt und damit neben der kompositorischen Qualität auch spieltechnisch hervorragende Musik veröffentlichen kann.

Was Zorn im Gegensatz zu vielen anderen Filmkomponisten versteht, ist, dass Dissonanzen nichts Neues sind. Das vor allem in den Horrorfilm stark eingebundene Klischee, dass Dissonanzen und Cluster Unruhe oder Angst erzeugen, unterbindet einen der Kerngedanken der Neuen Musik, nämlich die Auflösung der konventionellen musikalischen Sprache. Dissonanzen im Horrorfilm können und sind allerdings oft konventionell, da sie einen weiteren Gedanken der Neuen Musik ausblenden. Das musikalische Material einer Komposition sollte sich aus der Beschaffenheit des Stückes entwickeln und nicht aus einer apathischen, musikalischen Tradition abgeleitet werden. Damit kann auch simples Material wie ein Dreiklang unkonventionell sein, wenn er sich so den gewöhnlichen Assoziationen widersetzen würde.

Trotzdem findet man laufend die gleichen Fortschreitungen von Akkorden. Komponisten wie Hans Zimmer, Marco Beltrami und mittlerweile auch Danny Elfman fertigen seit Jahren das gleiche, musikalische Material an oder kopieren im schlimmsten Fall von Komponisten, um dann Kompositionen auf Filme zu drücken, die nicht mehr zueinander passen (siehe Alex North – Cleopatra und Hans Zimmer – Gladiator).

Zusammenfassen kann man die Krise der Filmmusik mit dem Begriff der konstruktiven Notwendigkeit. Wenn damit keine Notwendigkeit konstruktiver Art besteht, musikalische Ideen in ein Stück einzubauen, dann sollte man es lassen. Öfters erkennt man die Fehler von musikalischem Material und ihrem Einsatz in Szenen, wo entweder andere Musik passender wäre oder überhaupt keine Musik die bessere Entscheidung gewesen wäre. Die Komponisten sind jedoch nicht die Schuldigen, sondern das Problem ist der Ausdruck einer generellen Qualitätsverarmung innerhalb der populären, künstlerischen Medien.

1 Beispiele hierfür sind Erich Wolfgang Korngold, Miklós Rózsa und Max Steiner.
2 Theodor W. Adorno, Hanns Eisler: Komposition für den Film. In: Th. Adorno: Gesammelten Schriften. Bd. 15, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006

 


 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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