FILM

Die Lust am Aufbegehren

femalepleasure artikelFemale Pleasure. Da kommen Gedanken an guten Sex und offenen Umgang mit Körpern auf. Vielleicht eine andere Art von Aufklärungsfilm, der zeigt, was alles möglich ist. Starke Frauen vorstellt, eventuell einen Fokus auf selbstbestimmte Selbstermächtigung setzt. Der Ansatz von "#FEMALEPLEASURE" ist ein bisschen ein anderer. Barbara Miller setzt als Regisseurin zwar einen Fokus auf starke Frauen und sexuelle Selbstermächtigung, Genuss spielt dabei aber eine geringere Rolle als erwartet.

Stattdessen zeigt Miller am Beispiel von fünf Frauen (keine Sorge, wir kommen noch zu ihnen), wie sie unterschiedlich gegen sexuelle Unterdrückung und Missbrauch kämpfen. Miller wechselt dabei zwischen ihnen, schlichtet inhaltliche Kapitel aneinander und schafft einen Rahmen der Selbstermächtigung. Unvermeidbar ist dabei ein unangenehmer Anfang, Miller geht dabei auf unterschiedlichste Hintergründe ein, zeigt die Vielfalt von sexueller Unterdrückung auf.

Auffällig ist die starke Rolle von Religion, den Rest erledigen gesellschaftlicher Druck und traditionelle Misogynie. Aber damit einmal zu den einzelnen Geschichten. Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudeanshiko, Doris Wagner und Vithika Yadav. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Ausbruch und ihren eigenen Moment, in dem sie sich gewehrt haben, herausgekommen sind und begonnen haben, ihre Geschichte zu erzählen.

RELIGION ALS UNTERDRÜCKER
Deborah Feldman und Doris Wagner haben dabei die große Gemeinsamkeit der Religion. Zwar auf sehr unterschiedliche Weise, aber doch. FELDMAN wurde beispielsweise als Hasidin (also besonders orthodoxe Jüdin) in New York aufgezogen. Das bedeutet ohne Aufklärung und mit einer ziemlich garantierten Chance auf eine Zwangsheirat. Doch manche Klischees über Frauen stimmen und die Geburt ihres Sohnes hat sie dazu gebracht auszubrechen.

Für WAGNER dagegen war die Religion selbst gewählt, als sie einem katholischen Orden beitrat. Doch wie über Frauen stimmen manche Klischees in bestimmten Fällen auch über die Kirche und Wagner musste jahrelangen Missbrauch über sich ergehen lassen. Bis auch bei ihr der Selbstschutz größer wurde und sie genau wie Feldman die Gesellschaft verließ.

Genauso wie die anderen Protagonistinnen nutzen sie ihre eigene Geschichte, um das Bewusstsein unter Frauen zu stärken. Jede hat dabei eine eigene Perspektive, sei es jetzt die gesellschaftliche Unterdrückung wie bei Feldman oder strukturierter (Macht-)missbrauch wie bei Wagner. Sie sind Aktivistinnen, indem sie ihre eigene Geschichte erzählen und aufzeigen, was hinter geschlossenen Türen passiert.

 BEWUSSTSEIN SCHAFFEN
Ganz anders ist das bei den anderen dreien. Medienöffentlichkeit im großen Stil ist das Mittel der Wahl, möglichst viele Menschen sollen mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert werden. LEYLA HUSSEIN konzentriert sich dabei auf die Geschichte von FGM, also Beschneidung bei Frauen. Als selbst Betroffene arbeitet sie von London aus daran, dass Mädchen sowohl in afrikanischen Ländern, als auch in Migrantencommunities nicht dasselbe wiederfährt – teilweise mit radikalen Mitteln. So hält sie beispielsweise Workshops mit jungen Männern, damit diese den traditionellen Bias los werden und selbst aktiv gegen FGM eintreten. Denn Unwissenheit und Ignoranz sind oftmals die größten Hindernisse, um Missstände zu beseitigen.

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Ähnlich wie bei den Projekten von VITHIKA YADAV. Sie ist der Kopf hinter " LOVE MATTERS", einer indischen Plattform, die für einen offeneren Umgang mit Sexualität und gegen die strukturelle Unterdrückung von Frauen und Missbrauch eintritt. Als besonders traditionelles Land, das einen ganz anderen Zugang zu Beziehungen hat, als wir es in Europa gewohnt sind, will sie in Indien das Bild von Frauen als Heirats- oder Sexmaterial ändern, sorgt für Bewusstsein für sexuelle Krankheiten und die Möglichkeit, sich aktiv für Emotionen zu entscheiden. Die Aufgabe ist keine leichte, schließlich gibt es wöchentlich Nachrichten von Massenvergewaltigungen, Ehrenmorden und Verstoßenen Frauen. Doch genau daher kommt auch ihr Engagement und die Leidenschaft für die Arbeit – die sehr anstrengend sein muss, im Film aber stark vom Gemeinschaftssinn der Organisation und dem Spaß an offenen Umgang mit Sex getragen wird.

Weniger physisch missbraucht, aber genauso unterdrückt ist die Sexualität von Frauen in Japan. So sehr, dass die öffentliche Zur-Schau-Stellung von Vaginas – im künstlerischen Sinne – dazu führt, dass man vor Gericht landet. Wie RODUKENASHIKO. Normal sind dagegen jährliche Umzüge, bei denen überdimensionierte Penise als Fruchtbarkeitssymbol durch die Straßen getragen werden. Ein eindeutiges Ungleichgewicht, auf das Rodukenashiko aufmerksam machen wollte und dafür nun besonders intensiv gegen klassische Gesellschaftsbilder kämpfen muss. Sie wechselt in "#FemalePleasure" automatisch die Rollen zwischen Künstlerin und Aktivistin, schließlich hat das eine das andere erst nötig gemacht, obwohl es eine intrinsische Wechselwirkung gibt.

 MILLER ALS SPRACHROHR FÜR AKTIVISMUS
BARBARA MILLER hat mit diesen zusammen gemischten Portraits nicht nur einen Überblick über Missbrauch und gesellschaftliche Unterdrückung geschafft, sondern auch einen inspirierenden Einblick in die unterschiedlichsten Formen des Aktivismus, der Motivation und auch über Erfolge dieser Arbeit. Obwohl das Thema nicht das leichteste ist, hat sie dabei einen ausgeglichenen Handlungsstrang geschaffen, Parallelen und Gemeinsamkeiten aufgezeigt. Sicher nicht aus Zufall, sondern um die weltweiten Gemeinsamkeiten bei der Unterdrückung von Frauen darzustellen. Das soll allerdings nicht als wehleidiges Emanzen-Getue ankommen, sondern einfach Fakten aufzeigen. Ja, in einem Land wie Österreich ist Sexismus auf solchen Ebenen ein verhältnismäßig geringes Problem. FGM ist selten, Kunst ist sehr frei und auch die Fälle von Zwangsheirat sind relativ niedrig. Dennoch geht es um die Folgen, um die Struktur und um das gesellschaftliche Bild, weshalb Miller mit "#FemalePleasure" auch in heimischen Kinos einen Punkt trifft.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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