FILM

Österreichische Moralpredigt kurz vorm Fall der Demokratie

Wer kennt sie nicht, die großen Ängste der Eltern, wenn sie ihre Kinder nach Wien entsenden. Wien, der Sündenpfuhl, wo „ma ka deitsches Wort mer in da U-Bahn heart“; Wien, das verhasste Pflaster der Kommunisten und anonymen Großstädter, der Weltenbürger und damit Landesverräter. All diese "Volks"- und "Vaterlandsneurosen" kann man sich beim Ansehen des Films " DIE KLEINE VERONIKA" angenehm bestätigen lassen. So wohlig Angst und Bange wurde einem schon lange nicht mehr gemacht.

veronika

DIE UN-SCHULD
Es ist immerhin alles dabei: die Unschuld vom Lande, die Versuchungen der Stadt und der Sündenfall - natürlich im Prater - und schließlich beinahe Tod und Erlösung durch, natürlich, einen Mann. Tosender Applaus, der Junge will selbst die entehrte Veronika noch lieben, was für ein aufopfernder Mann! Man(n) sieht also, dass es sich hier um eine durchaus aufgeklärte und progressive Geschichte handelt - für das 14. Jahrhundert. Doch wem nach der ersten halben Stunde die Sehnerven nicht beim Augenrollen gerissen und schmatzend, wie alte Jalousien, in das Schädelinnere geschnalzt sind, der kann an gewissen Stellen im Film doch so einige Lichtblicke erhaschen.

1929 – 2019, 90 JAHRE TRENNEN WELTEN
Ich sah Robert Lands Film aus dem Jahre 1929 im Rahmen einer Film- und Musikreihe im Wiener Konzerthaus mit einer Musikbegleitung von Ernst Molden und Walther Soyka im Januar 2019, was natürlich einen gänzlich anderen Kontext der Betrachtung ermöglicht, als dem zeitgenössischen Publikum. So wurde bei allzu moralisierenden Stellen während der Vorstellung herzlich gelacht, die wohl damals als lehrreich gegolten haben mochten. Vor allem interessant ist die Beziehung von Veronika und ihrer Tante aus der großen Stadt. Einige Blicke und auch ihre Körpersprache, wie sie miteinander umgehen, lässt sie eher wie ein Liebespaar wirken, als ob hier lediglich zwei Verwandte einander "sehr gern haben".

DAS UNHEIL NAHT
"Die Kleine Veronika" zeigt, wie die namensgebende Filmfigur von der heiligen Welt der ländlichen Alpen, in den Sündenpfuhl des Praters hinabgezogen wird und wortwörtlich dort ihre Unschuld durch einen, sagen wir einmal eher unfeinen Herrn verliert. Ob der Umstand, dass sie überhaupt erst nach Wien kommt, weil sie dort ihre Erstkommunion empfangen soll, subversive Untertöne kommunizieren soll, bleibt dem geneigten Leser und Beobachter selbst zu entscheiden. Fakt ist jedoch, dass die Problemchen der bürgerlichen Welt relativ harmlos, oder gar zynisch wirken, bedenkt man, dass nur vier Jahre später Engelbert Dollfuß von der christlichsozialen Partei das Parlament auflöst und eine Diktatur errichtet, die erst durch eine andere, schlimmere, ersetzt wird, bis schließlich erst 1945 so etwas wie Demokratie wiederhergestellt werden kann.

Die Bilder aus dem Prater der Zwischenkriegszeit zu sehen ist recht nett. Die sogenannten verruchten "Bösen" sind aber, wie so oft, teilweise sympathischer und vor allem aber authentischer, als die Lichtgestalten der Hauptfiguren. Einige Szenen waren für die Zeit jedoch schon recht progressiv, und Zeichen einer danach lange nicht wieder erreichten Filmkultur in Österreich. Bildqalitativ hat hier die Restaurationsabteilung des  FILMARCHIV AUSTRIA auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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