FILM

Wie würde es klingen, wenn er fällt?

NG-FreeSolo-KeyArt-Poster edited2Manche Menschen sind so außergewöhnlich, dass man meint, man sollte es ihnen ansehen können. Wer sich so weit über die Grenzen menschlicher Fähigkeiten katapultiert, wer sich buchstäblich der Schwerkraft widersetzt, dem sollte seine Besonderheit ins Gesicht geschrieben sein, den sollte eine magische Aura umgeben. Zumindest, denkt man, sollte derjenige anders wirken als Alex Honnold, ein groß gewachsener, schlaksiger Amerikaner mit breitem Lachen und knabenhaften, schnurgeraden Stirnfransen. 

Alex Honnold ist 34 Jahre alt, Berkeley-Abbrecher, Vegetarier, und einer der weltbesten Free Solo Kletterer. Das bedeutet, dass er Felswände ohne Seil oder jede andere Form von Sicherungsmittel erklimmt. Die immensen athletischen und mentalen Anforderungen dieses Sports, bei dem minimale Fehler tödlich sind, machen Vergleiche schwierig. Auf uns hypnotisierte BeobachterInnen wirkt es unmöglich, auch während wir ihm mit unseren eigenen Augen dabei zusehen.

Am 3. Juni 2017, nach zwei Jahren minutiöser Vorbereitung, besteigt Alex Honnold die über 900 Meter hohe Granitformation El Capitan im kalifornischen Yosemite Nationalpark. Alex‘ Vorbereitungsphase und sein knapp vierstündiger Aufstieg werden von Regisseur Jimmy Chin und seinem kletternden Kamerateam begleitet. Der so entstandene Oskar-prämierte Dokumentarfilm " FREE SOLO" läuft aktuell in den Kinos. Zum Meisterwerk macht ihn, dass er nicht nur einfängt, was an Alex Honnold außergewöhnlich ist, sondern dass er am Beispiel von Alex Honnold zeigt, was an uns Menschen außergewöhnlich ist.

Der Profikletterer und Kameramann Mikey Schaefer hat El Capitan selbst dutzende Male bezwungen, mit Seil und Sicherung. Jetzt ist sein Blick starr auf den Monitor seiner Standkamera gerichtet, wo ein Miniatur-Alex sich geschmeidig an der imposanten, graumelierten Granitwand hochhantelt. Ohne Seil, ohne Sicherung. Die Szene ist surreal und atemberaubend schön. Der massive "Kapitän" erhebt sich über einem tiefgrünen Tal, Vögel ziehen ihre Kreise, unbeeindruckt von dem Mann, der dort oben ist, wo niemand sein sollte, der keine Flügel hat. Mikeys Stirn ist in Falten gelegt, seine Schultern gesenkt, unaufhörlich reibt er sich mit der Hand über Kinn und Mund. Irgendwann erträgt er es nicht mehr, wendet sich ab. "Ich hab‘ keine Ahnung, wie ihr dabei zusehen könnt," sagt er, aber, sowie die Worte seinen Mund verlassen haben, heftet sich auch sein Blick wieder auf den Bildschirm.

Wir Menschen haben eine Fähigkeit, die in mehreren Tieren angelegt, aber in keiner annährend so gut ausgeprägt ist: Unsere Gehirne sind Spiegel. Angst in den Gesichtern anderer Menschen aktiviert unser eigenes Angstzentrum, und wenn wir sehen, wie jemand Schmerz empfindet, dann imitiert unser Hirn das fremde Gefühl mit so beeindruckender Präzision, dass wir selbst glauben, Schmerz zu fühlen. Wir müssen nicht hunderte Meter in die Tiefe gestürzt sein, um uns ausmalen zu können, wie es sich anfühlen würde, den Halt zu verlieren, es erst eine Millisekunde später zu realisieren, dann im freien Fall die Welt in einem Kaleidoskop bunter Farben an uns vorbeizischen zu sehen, bis sie aufhört zu existieren. Der Film dokumentiert eindrücklich die psychische Belastung, die das Projekt für das Filmteam mit sich bringt, und die noch verstärkt wird durch den Kontrast zu Alex‘ übersinnlicher Lässigkeit. "Ich gehe die verschiedenen Szenarien durch," sagt der Kameramann Cheyne Lempe im Interview. "Wenn er fallen würde, wie würde es klingen?"

FreeSolo 11artikel

Die Simulationsfähigkeit unseres Gehirns macht es uns möglich, von Erlebnissen zu träumen, die eigentlich außerhalb unseres Vermögens liegen. Wir können uns vorstellen, zu fliegen; wir können uns ausmalen wie es wäre, durchs All zu driften, und wir können uns in Alex hineinfühlen, während er eine spiegelglatte, knapp einen Kilometer  SENKRECHT IN DIE HÖHE RAGENDE FELSWAND ERKLIMMT, und in unseren Köpfen wirkt die Simulation so real, dass sich unsere Finger in den roten Samtstoff des Kinosessels graben.

Wir fiebern auch mit, weil es Alex ist, der Anti-Tom-Cruise. Alex, der, als er nach vier Stunden den Gipfel erreicht – nachdem er etwas vollbracht hat, was ein Kletterexperte damit vergleicht "bei den Olympischen Spielen um Gold zu kämpfen, nur dass du stirbst, falls du nicht gewinnst" – nicht fluchend die Siegerfaust in die Luft streckt, sich nicht feiert, sondern atemlos und glücklich auf das Tal hinabblickt und sagt: "Ich bin so erfreut". Alex ist – oder ist inszeniert als – der Elitekletterer, der am Boden geblieben ist, der perfekte Sympathieträger, die Antithese zum waghalsigen Egomanen, weil er mit unwiderstehlicher Nonchalance und Bescheidenheit von Klettermanövern erzählt, die uns den Schweiß in den Nacken treiben. Regisseur Jimmy Chin verzichtet auf heroische Hymnen und actionreiche Schnittsequenzen, seine Kinematografie ist betont unaufgeregt. Er zeigt Alex in seinem Van, Alex lachend mit Kletterkollegen, Alex in intimen Gesprächen mit seiner Freundin.

FreeSolo 01artikel

Es sind also nicht mutierter Ehrgeiz und die Gier nach Ruhm, die ihn antreiben. Wofür Alex dann sein Leben riskiert? Seine Mutter sagt, beim Klettern "fühlt er am meisten". Ultimative Freiheit und pures Sein, Gefühlszustände die nur erreichbar sind, wenn die Alternative die Elimination jedes Seins ist. Und in flüchtigen Momenten blitzt da noch ein anderes, beklemmenderes Motiv auf. "Es fühlt sich gut an, sich perfekt zu fühlen," meint Alex. "Auch wenn es nur für einen Moment ist." Alex, der Getriebene.

Der Film wirft viele Fragen auf, zum Beispiel über unsere Rezeption seines Strebens. Wie würden wir über Alex Waghalsigkeit denken, wenn er abgestürzt wäre? Oder: Würden wir seine Leistung abwerten, wenn er ein arroganter Adrenalinjunkie mit Ikarus-Komplex wäre? Und dann sind da die Fragen über uns. Beweist Alex, dass das Leben dazu dient, jeden Tropfen an Erfahrung und Emotion aus ihm heraus zu pressen? Machen wir einen Fehler, wenn wir es lieber aus sicherer Entfernung beobachten und (zum Beispiel in Filmrezensionen) analysieren?

FreeSolo 08 artikel

"Free Solo" ist ein fesselnder und aufwühlender Film. Keine voyeuristische Studie eines einsamen Genies, kein glorifizierendes Tribut an einen herkulischen Halbgott, sondern elegantes, atemberaubendes, visuelles Storytelling. Ein gekonnt komponiertes Porträt existenzieller Fragen, skizziert am Beispiel eines außergewöhnlichen Mannes, der auch – und das glauben wir ihm – an Felswänden hängen würde, wenn wir ihm nicht dabei zusehen würden.

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top