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Ein echter Wiener geht nicht unter - Mundls Menschlichkeit

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"Mei Bier is ned Deppat", wer hat diesen Satz noch nicht, ob des Empfangs eines Hopfengetränks, lauthals in eine feuchtfröhliche Runde ausgerufen? Doch so einprägsam der Charme des hier dargestellten Proletariats und Wiener Grantelns auch ist, geht es bei der Dokumentation des Lebens der Familie "Sackbauer" und dessen scheinbaren Oberhaupts Edmund, um einiges mehr, als nur seichte Unterhaltung von oben herab.

Wer, Wie, Was Sackbauer?

Doch zunächst reicht es nicht, wenn man nur die Familie selbst betrachtet, auch das Umfeld der Protagonisten der Serie muss miteinbezogen werden, um sie zur Gänze zu verstehen. Die Originalserie zeigte den ZuseherInnen ein spezielles Zeitfenster der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, sie wurde von 1975 bis 1980 ausgestrahlt und hat eine unverwechselbare Ästhetik als auch Mentalität (die beiden Filme von 2008 und 2010 müssten selbstverständlich separat betrachtet werden). Die 70er-Jahre in Österreich waren selbstverständlich auch geprägt vom Machtkampf der Supermächte USA und UDSSR und im speziellen natürlich vom Vietnam Krieg. Auch wenn letzterer nicht direkt mit der Bundesrepublik in Verbindung stand, so machte sich hier doch auch die davon hervorgerufene Hippiebewegung bemerkbar, kurz bevor die 80er-Jahre und seine Ultrakapitalismus-Yuppies diese als Kulturphänomen beinahe vollständig verdrängten.

Die Familie Sackbauer steht hier selbstverständlich mittendrin, die Kinder eher progressiv und die Eltern eher konservativ, doch Obacht, denn hier verstecken sich einige subversive Elemente, die nicht zu kurz kommen sollten. Denn wenn Edmund Sackbauer (dass dieser von Karl Merkatz verkörpert wird, ist eigentlich beinahe schon obsolet zu erwähnen), eine typische "raue Schale" des grantigen und zynischen Wieners aufrechtzuerhalten sucht, so gibt es hie und da doch tiefere Einblicke in diese Persona, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Denn wenn die Sackbauers einmal streiten, bekommt auch das zur Schau gestellte Gemeindebaupatriarchat gehörige Risse und auch hoch gehaltene Traditionen wie die "Weisheiten des Großvaters", auf die allzu oft verwiesen wird, werden in der Praxis dann doch nicht umgesetzt. Veränderung trifft halt am Ende alle, auch Hobbygewichtheber. Ist er deshalb kein toxischer Charakter an sich? Natürlich nein, aber mit seiner Wandlungsfähigkeit hat er doch leider einigen realen Personen einiges voraus.

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Was bleibt vom nicht Untergehenden?

Im Jahr 2019 sind viele der Themen, die die Familie Sackbauer in den 70ern beschäftigt haben noch längst nicht ausdiskutiert. Die Szene, in der Kurt Sowinetz mit "Olle Menschen san ma zwider" zunächst genau den Nerv des vermeintlichen Menschenfeindes trifft, nur um mit dem Umkehrschluss des Ganzen "I bin ollen Menschen zwider" den Spiegel hervorzuholen, um mit seinem Zerrbild gar zu verschrecken, ist hierbei beispielhaft. Bis heute ist sie unabdingbar, um nicht nur das Lied, sondern auch einige selbsternannte (vor allem männliche) Misanthropen und ihre fehlgeleitete Individualitätssucht, zur Gänze zu verstehen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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