FILM

Ich seh, ich seh

ichsehichseh kleinIm Horrordrama/Kammerspiel "Ich seh, ich seh" (2014) von Veronika Franz und Severin Fiala geben sich die Urgesteine des Horrors, Paranoia und Isolation, ein fröhliches Stelldichein, wobei kein Stein auf dem anderen gelassen wird und Erwartungshaltungen beinahe routinemäßig vorgeführt werden.

Es beginnt mit dem allseits bekannten Schlaflied "Guten Abend, gute Nacht", wobei einem die Textzeile "wenn Gott will, wirst du wieder geweckt", besonders hellhörig werden lässt. Denn des Schlafes Bruder ist der Tod. Die Verbindung der antiken Götter Hypnos und seinem Bruder Thanatos, dem Tod, fungiert hier als unheimliche Vorahnung, der sich langsam anbahnenden Ereignisse. Überhaupt spielt der Glauben eine Zentrale Rolle im Film, wenn auch auf ohnehin schon hunderte Male gesehene und flache Religionskritik verzichtet wird.

Alles zurück zu Freud

Es ist zunächst eine unangenehme, angespannte Stimmung zwischen einem Zwillingspaar und deren Mutter, welche nach einem Unfall wieder nachhause kommt, das Gesicht unter dicken Lagen Mullbinden versteckt, die den Anfang des Filmes prägt. Die Abgeschiedenheit des Hauses der Familie und die manchmal stille, aber auch mitunter laute Natur, die das Haus umgibt, tun ihr Übriges, um diese Spannung noch zu fördern. Dieses Gefühl des unabwendbaren Schreckens, der sich langsam aber beständig nähert, denn die Zwillinge sind immer mehr davon überzeugt: unter den dicken Mullbinden ist eine Fremde. Und so braucht es auch nicht lange, bis die Eskalation der Lage ihren Lauf nimmt. Doch die Situation eskaliert nicht nur in physischer Form, denn die Grenzen zwischen (Alp)Traum und Realität verschwinden ebenfalls nach und nach und die anfangs noch naive/wirre Idee der falschen Mutter wirkt zunehmend realistisch. Vor allem Freuds Definition des "Unheimlichen" kommt einem dabei in den Sinn. Das Fremde im Bekannten, die Unheimlichkeit im Heimlichen.

Der wahre Horror

Wie auch bei Ari Asters Meisterwerk "Hereditary" sind hier keine übernatürlichen Spukgestalten der Ausgangspunkt des Horrors, sondern die Familie. Auch hier spielen Themen wie Entfremdung und die Umkehr von bekannten Gefühlen eine Rolle. Die soziale Einheit Familie, die im Idealfall auf Vertrauen beruht, wird hier zum schlimmsten Feind, zum unheimlichsten Schrecken. Doch vielleicht sind es hier nicht nur Ängste, dass einem nahe Verwandte auf einmal grundlos schaden wollen, sondern vielmehr die Frage, wie gut man sich selbst kennt, beziehungsweise man sich eigentlich selbst kennen kann. Die eigenen vier Wände werden zum Gefängnis, das eigene Ich zum Gefängniswärter.

Ich hoffe, ich habe hiermit wieder einemal spoilerfreie Lust auf den Film gemacht, den ich weitaus früher gesehen und rezensiert hätte, wenn ich gewusst hätte, wie gut er eigentlich ist. Das nächste Mal widme ich mich einem Horror des neuen Jahrtausends, der jedem, der ihn erlebt hat, wohl ewig in Erinnerung bleiben wird, jedoch im Unbewussten. Ein orangefarbenes Auto stand in Österreich um 2000 nicht nur für Ideenarmut der Fernsehersender, sondern für den nicht enden wollenden Siegeszug der Realityshows, die uns bis heute verfolgen.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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