FILM

Niemals vergessen

Vor bereits acht Jahren starben bei zwei terroristischen Anschlägen eines Rechtsextremen in Norwegen insgesamt 77 Menschen. Zunächst explodierte im Stadtzentrum Oslos eine Bombe, die acht Menschen in den Tod riss. Anschließend fuhr der Täter zur Insel UTØYA, wo er im Endeffekt die TeilnehmerInnen wie Tiere jagte und auf alles schoss, was eventuell ein Mensch sein könnte. Diese traumatischen Geschehnisse wurden nun unter dem einfachen Titel "Utøya 22. Juli" verfilmt. Mehr Information braucht man als ZuseherIn sowieso nicht, um zu wissen, um was es in dem Film geht.

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Im Mittelpunkt des Geschehens steht das junge Mädchen Kaja, die gemeinsam mit ihrer kleineren Schwester das Feriencamp der sozialistischen Partei Norwegens besucht. Fast den ganzen Film über folgt die Kamera nur ihr und ihrer Flucht. Es wirkt zu Anfang wie ein ganz normaler Tag: Kaja, wie sie mit ihrer Mutter telefoniert und ihre Schwester sucht. Kaja, wie sie ihre Schwester findet, wie sie miteinander streiten, wie über die Anschläge in der Hauptstadt diskutiert wird – alles wirkt ruhig.

Bis man plötzlich Schüsse hört und laufende Menschen schreien sieht: Rennt weg, rennt weg. Dann geht alles Schlag auf Schlag. Panik bricht aus. Sie versuchen sich in einer Hütte zu verstecken, wissen jedoch sehr schnell, dass eine Tür kein Hindernis für den darstellt, der gerade um sich knallt. Man spürt Angst, Panik und den Tod im Nacken sitzen. Wobei manche zunächst noch hoffen, dass es sich um eine Übung der sozialistischen Partei handelt und nicht um die Realität. Als ZuseherIn weiß man jedoch, was sie auf sie zukommt, was das Ganze nur schlimmer macht.

Normalerweise reagiert der menschliche Körper auf solche lebensbedrohende Ereignisse mit zwei Möglichkeiten: Kampf oder Flucht. Kampf steht diesen Jugendlichen und Kindern eindeutig nicht zur Option. Es bleibt nur Flucht. Doch auch diese wird ihnen verwehrt. Eine Insel ist so gesehen eine Sackgasse. Viele von ihnen wollen an Land schwimmen, jedoch schießt der Täter ebenso ins Wasser, was man daran erkennt, dass unzählige Leichen sanft darin wiegen. Auch als Zuseherin hatte ich das unbedingte Verlangen den Kinosaal so schnell wie möglich zu verlassen, obwohl ich ja eigentlich wusste, dass mir nichts passieren könnte.

Man beobachtet das Geschehen also aus Sicht der Opfer. Man folgt Kaja bei der Suche nach ihrer Schwester. Man sieht, wie sie einen kleinen Jungen dazu überredet vom Campingplatz wegzulaufen und Schutz am Ufer zu suchen. Man leidet mit ihr, als sie einem kleinen Mädchen die Hand hält, bis es stirbt, obwohl Kaja noch Hoffnung hat, dass Rettung kommt. Man weint mit ihr als sie den kleinen Jungen vom Campingplatz tot auf einem Stein liegen sieht.

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Den Täter selbst bekommt man nie zu Gesicht. Entweder, um ihm dadurch nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu gewähren oder um ihn noch bedrohlicher wirken zu lassen. So hat man das Gefühl, dass er jederzeit hinter Kaja stehen könnte. Vielleicht auch um beides beim Publikum auszulösen. Es wird auch nicht versucht, das Geschehene zu erklären oder ein Motiv für die Tat zu suchen. Die Jugendlichen, also vor allem Kaja, geben sich keinen wilden Spekulationen hin oder erörtern die Sachlage aus verschiedenen Blickpunkten.

Und immer wieder die Fragen: Wer überlebt? Wann kommt endlich die Polizei? In Realität dauerte das Attentat in etwa 90 Minuten. Vorgekommen ist es mir schon wie eine Ewigkeit, und ich war nur Zuseherin und zwar acht Jahre später.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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