LITERATUR

Ein Klassiker zum Todestag

ulyssesJames Joyce ist bekanntermaßen tot. Diese Woche war sein 75. Todestag. Lebendig ist dagegen der Mythos um sein Hauptwerk. "Ulysses" prägte die Entwicklung der Literatur, zählt zu den wichtigsten Büchern des 20. Jahrhunderts und ist damit quasi ein Monumentalwerk.

Aber warum? Ich habe aufgrund meines zeitweisen Literaturstudiums eine Liste mit Klassikern, die ich versuche abzuarbeiten. "Ulysses" stand lange darauf, weil ein Professor schon im ersten Semester von den unglaublich wichtigen Auswirkungen des Buches auf die Entwicklung der Literatur geschwärmt hat. Dann habe ich es gelesen. Also, fast. Um genau zu sein, habe ich die letzten 20 Seiten ausgelassen.

Eigentlich ein bisschen bitter. Immerhin kommt Ulysses in den meisten Druckversionen auf gut 1.000 Seiten, die letzten 20 zu schwänzen zahlt sich dann quasi gar nicht aus. Allerdings hatte ich einen guten Grund. Ich habe in meinem Leben viele Bücher gelesen, möglicherweise mehr von den „Klassikern“, als die meisten Menschen in meinem Alter. Aber "Ulysses" habe ich nicht verstanden.

Ich weiß schon, dass man Literatur immer nur im Kontext ihrer Entstehungszeit, mit dem gesellschaftlichem Kontext und unter autobiographischen Aspekten beurteilen darf. Und dass die literaturhistorischen Auswirkungen nicht an dem Werk, sondern an der Reaktion darauf und ihren Einflüssen auf andere Schriftsteller beurteilen werden müssen. Aber "Ulysses" bleibt mir ein Rätsel. Tatsächlich ist das Buch aber gut zu lesen. Es ist flüssig geschrieben, Teile der Handlung machen auch Sinn und ich hatte nie das Gefühl, dass das Lesen Arbeit wäre.

"Ulysses" ist in 18 Kapitel geteilt, die Titel müssen vor dem Hintergrund von Homers "Odyssee" betrachtet werden. Auch vom eigenen Inhalt her ist Ulysses eine neue Version der berühmten Irrfahrt. Genauer gesagt, die Odyssee eines Tages durch Dublin. Die sogenannten Reisenden sind Leopold und Molly Bloom sowie Stephen Daedalus. Die Kapitelstruktur gibt bis zu einem gewissen Grad Orientierung, allerdings aus eher ungewöhnlichen Gründen. So kann es etwa vorkommen, dass ein Kapitel plötzlich als Theaterstück geschrieben ist oder mythologische Figuren auftauchen.

Einen Vorteil hat "Ulysses" als Klassiker allerdings: Es ist klar, dass das Buch wenig Sinn macht. James Joyce sagte immerhin selbst über "Ulysses", dass er so viele Rätsel hineinpacken wolle, dass Literaturkritiker Jahrhunderte über die Auslegung debattieren könnten. Die Basis dafür hat er auf jeden Fall gekonnt gelegt. Was ehrlich gesagt auch ein Mehrwert für den Leser ist, denn es gibt immer eine Überraschung. Und das Rätsel, welche Substanzen zu solchen Ideen führen können.

Möglicherweise zahlen sich Rätsel also doch aus. Oder die Frage, welche Klassiker man lesen muss oder soll, erübrigt sich von selbst. Immerhin fängt die Debatte dazu jetzt gerade neu an.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top