LITERATUR

They say never again

meinkampfDer 8. Mai zählt zu den wichtigsten Tagen der österreichischen Geschichte. "Wir wissen alle schon, wen wir wählen werden, deshalb sind wir auch hier." Starke Einstiegsworte zu einer Diskussion über "Mein Kampf" gab es am Sonntag im Volkstheater zu hören.

Claus J. Raidl, der Vizepräsident des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, beginnt seine Begrüßung mit einem direkten Affront gegen den Rechtsradikalismus. Das Erstaunen über so viel Direktheit währt allerdings nur kurz, die Diskussion selbst ist eher trocken. Vom Aufbau her ist es natürlich spannend, gelesene Textpassagen mit anschließenden Diskussionen zum jeweiligen Thema. Teilweise aber leider deplaziert. So kommt es, dass der Input von Friedrich Forsthuber (dem Präsidenten des Wiener Straflandesgericht) zu Hitlers Wiener Vergangenheit nicht wirklich ein themenbezogener Kommentar, sondern ein Verweis auf einen neuen Artikel dazu ist. Sowas fällt dann wohl unter unangebracht.

meinkampf01Spannender als die Diskussion sind eben jene Textpassagen, Steffi Kautz und Günter Franzmeier lesen sieben Auszüge, Einblicke in das Buch. "Mein Kampf" ist ja nicht unbedingt Alltagsliteratur für jeden. Immerhin war es die letzten 70 Jahre unter Verschluss, weil der Freistaat Bayern die Urheberrechte inne hatte und Nachdrucke verboten waren. In Österreich und Deutschland ist "Mein Kampf" aber sowieso verboten, der Besitz fällt unter Wiederbetätigung. Die neue Ausgabe - stolze 2000 Seiten mit 3500 Kommentaren - fällt wegen der wissenschaftlichen Kommentare allerdings nicht darunter.

Der differenzierte Umgang mit den Inhalten ist gerade jetzt auch besonders wichtig. Natürlich befindet sich Europa im Ausnahmezustand, noch nie haben rechte Parteien so viel Zuspruch gefunden, dem neuen Innenminister wird schon jetzt Verhetzung vorgeworfen. Abgesehen davon, dass das halbe Land den bevorstehenden Weltuntergang bei der Präsidentschaftswahl ankündigt.

Vergangenes Jahr war der 8. Mai deshalb eine große Sache, so ein 70-jähriges Jubiläum macht schließlich einiges her. Mittlerweile wird aber wieder pauschal geredet, von differenziert kann keine Rede sein. Auch in "Mein Kampf" nicht, aber das weiß sowieso jeder. Andererseits: mit ausreichend Abstand ist es fast schon unterhaltsam, wie viel Wahnsinn und Absurdität in so ein Buch passt.

Deshalb bietet sich auch jetzt wieder der Fokus auf die Geschichte an, auf die Möglichkeit aus der Vergangenheit zu lernen. Also: ran an die Bücher, 3.500 Kommentare sind ja eh schnell durchgelesen. Und wenn es dann doch mal zu viel wird: Immer daran denken, dass Rechtsradikalismus sich nicht nur durch Rassendenken, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit auszeichnet. Sondern auch ein bisschen durch Wahnsinn.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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