LITERATUR

Der Bildhauer unter den Autoren

ewEs mag als Omen nicht überbewertet werden, dass frühmorgens das Polarlicht als Himmelserscheinung über den Steininger See hängt. Ausgerechnet als Leo Kmetko den Terrier Dalai zum ersten Pinkeln in den Garten des Landhauses lässt. Aber komisch ist es schon, dass von Kmetkos Verleger am selben Tag die Ankunft eines exzentrischen Filmemachers angekündigt wird, der sich ausgerechnet ihn – Leo – zur Vorlage seiner neuesten Dokumentation aussucht. Ausgemacht, dass der ruhige Alltag, den sich der Literat Kmetko im Landhaus am See eingerichtet hat, nicht weiter aufrecht erhalten werden kann.

Nach Finstern und Kalamata legt Ernst Wünsch den dritten Teil der Leo Kmetko Bücher vor, um abermals im Bernhard’schen Sinne das ruhige, saubere und aufgeräumte Heimatbild – die Illusion der ruhigen Idylle – zu dekonstruieren. Allerdings wird hier nicht auf Bernhard’s Strategie von Zynismus und Holzhammer aufgebaut. Wünsch arbeitet eher mit Meißel und Pinsel. Wo Thomas Bernhard der Tischler ist, der sich Holz und Nägel zurecht biegt, bis sie brechen, um sie zu brechen (darin liegt doch schlussendlich auch die Kunst eines Bernhards); da ist Ernst Wünsch eher der Bildhauer oder Steinmetz, der vom Stein das wegschlägt, was den Blick verklärt, um schlussendlich an dem Punkt anzugelangen, der für den Autor das Fundament der Analyse darstellt.

Beide Ansätze machen ungeheuerlich Spaß, die Unterschiede sind rein stilistisch – die Wirkung ist jedenfalls ähnlich.

Diese typische, seiner literarischen Gesellschaftskritik zu Grunde liegenden Arbeitsweise spielt sich in diesem dritten Band der Kmetko-Reihe wie folgt aus: Der Hauptcharakter Leo Kmetko (des Autoren Alter-Ego) findet sich in der oberösterreichischen Seenidylle wieder, im (nicht ganz) fiktiven Steiningen am Steininger See. Alles hat seinen Lauf, alles passt. Wenig trübt dieses Gesamtbild der österreichischen „Insel der Seligen“. Doch das Polarlicht hängt durchaus drohend über dem See, kündigt es doch nicht nur metaphorisch von einer Trübung der ruhig dahindösenden österreichischen Gesellschaftsverfassung. So wie der Tag beginnt, und der Ort erwacht, kommen auch literarische Handlung und die darin eingeschriebene Gesellschaftsanalyse in die Gänge. Handlung und Kritik entwickeln sich im selben Rhythmus. Ruhig, Schritt für Schritt.

In Nuancen tritt erstmals hervor, dass nicht alles so fein ist, zwischen Nazi-Vergangenheit, dörflichen Intrigen, Kommunalpolitik und Fremdenfeindlichkeit, die alsbald in offenen Rassismus ausschlägt.

All das kommt nur sukzessive zum Vorschein. Dem Bildhauer oder Steinmetz gleich, muss erst das überschüssige Material abgemeißelt und weg gepinselt werden. Deshalb auch der Titel: „Der Abschweifer“. In Exkursen wird zuerst erledigt, was die Sicht trübt: all die kleinen Anekdoten und Ereignisse von „heute und dazumals“,  die eine dörfliche Identität konstruieren, die von Idyll und Fremdenverkehr geprägt ist. Dieses „wegschlagen“ von Überschussmaterial wird zur zielführenden Technik. „Exkurse“ (Abschweifungen) und die eigentliche Handlung halten sich die Waage. Beide spielen einander zu, sind einander im Rang ebenbürtig. Präzise und gefühlvoll, subtil und kaum merkbar, dienen Abschweifungen dafür, sich daran anzunähern, was unter der Oberfläche nach und nach zu rumoren beginnt: Die Exkurse werden bissiger, während die Haupthandlung sich beschleunigt. Dabei nehmen die Abschweifungen die führende Rolle, die Handlung dient zur Beweisführung, führt Indizien vor, und illustriert das, was in den Abschweifungen vorgetragen wird. Dann kommt zum Vorschein, was sich hinter der Fassade jenes Idylls verbirgt, das in Österreich nur allzu gerne romantisierend-verklärt wird.

Dass die Anspielung auf die Sommerfrische nicht von ungefähr kommt, dass dabei auch mit der Torberg’schen Glorifizierung aus Alt-Wiener Tagen gespielt wird, macht das Ganze noch komischer und entlarvender: Wo Torberg von der Prominenz des „Abendlandes“ spricht, werden die Charaktere bei Wünsch durch die ganz normalen Typen der österreichischen Provinz ersetzt: da wird am Stammtisch politisiert, sich der Intrige (und Affäre) hingeben, und Rassismus ist noch so normal und wird offen zur Schau getragen. Diese spielerische Auseinandersetzung ermöglicht es dem Autor eine Gesellschaftskritik vorzutragen, die von der Leichtigkeit getragen wird. Das gesamte Buch wird zur Performanz seines Inhalts, die Kritik in Handlung, Stil und Aufbau vorgetragen. 

Was Wünsch in seinen vorangegangenen Romanen bereits stilistisch kultiviert hat – und wo auch die Abschweifung (oft auch in Fußnoten, wie etwa in „Kalamata“ der Fall) bereits eingesetzt werden – wird in dem jüngst vorgelegten Werk, „Der Abscheifer“, zur vollen Wirkung gebracht.

Ganz subtil, und vor allem mit dem Wissen um das Lachen als bestes Argument, spielt sich Wünsch mit Gegensätzen des Alltags. Dabei erringt das Dramatische die in sich gekehrte Funktion: da wo es um scheinbar allfälliges, augenscheinlich nebensächliches geht, wird bereits begonnen gefühlvoll die Regeln und Konventionen des Idylls auseinander zu nehmen. Da wo scheinbar nichts passiert, ist es immer spannend. Und Wünsch hat nicht nur das Auge, diese Spannungen – und Spannungsverhältnisse – zu erkennen. Vielmehr entwickelt er in seinem jüngsten Buch ein Stilmittel, in dem diese Spannungsverhältnisse sich selbst entlarven.


Der Abschweifer ist im Kitab-Verlag erschienen und im Handel erhältlich. 

 

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