LITERATUR

Eine beispiellose demokratische Ohrfeige

mbirdMal wieder einen Literaturklassiker in der Hand zu haben, das hat schon was. Ist das Buch gut? Die Geschichte wirklich der Burner, sodass sie irgendwann den glorreichen Stempel "Literaturklassiker" abbekommen hat? Ab wann ist ein Buch ein "Klassiker"? Was, wenn's alle cool finden, ich aber einfach nur langweilig? Also. Exzessive Aufregung in voller Gewalt, bevor man überhaupt die erste Seite aufgeschlagen hat.

Tja, und dann das: Nach zwei Seiten hatte sie mich. Scout, die achtjährige Protagonistin, war wie meine neue beste Freundin, die mich in ihre Welt einweihen wollte, obwohl ich nie darum gebeten habe. Irgendwann schlich sich bei mir dieses "trautes Heim"-Gefühl ein und ich fühlte mich pudelwohl inmitten der Familie Finch, wohnhaft im fiktiven Maycomb, Alabama. Dabei fragte ich mich bei jedem Kapitel aufs Neue, ob ich als junges Mädchen auch so abgebrüht und gleichzeitig wunderbar naiv durchs Leben gestolpert bin. Es ist wahr: Scout Finch ist die coolste Socke weit und breit.

Harper Lee (1926-2016) ließ ihren Roman "To kill a Mockingbird" (deutscher Titel: "Wer die Nachtigall stört…") 1960 veröffentlichen und erhielt ein Jahr darauf den Pulitzer-Preis dafür. Sie erzählt in ihrem Werk vom Leben der kleinen Scout Finch, die bei ihrem Vater Atticus und ihrem sich in der Vorpubertät befindlichen (herrlich!) Bruder Jem im Süden der Vereinigten Staaten der 1930er-Jahre heranwächst.

Mit kindlicher Poesie zeigte mir Scout im Laufe der Geschichte ihre Freuden, Ärgernisse und Geheimnisse des Älterwerdens, aber erzählte auch von den dunklen Seiten ihres sonst so idyllischen Heimatortes: Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Frau gegen Mann. Und es gibt ja bekanntlich immer eine Seite, die den Kürzeren zieht. Besonders anschaulich wird dies in der Geschichte durch den Fall Tom Robinson gemacht, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird. Atticus, überaus menschenfreundlicher Anwalt, verteidigt diesen vor Gericht. Die harmonische Welt von Scout beginnt zu zerbröckeln und es kommt die Einsicht: die Welt muss kein "happy place" sein, wenn sie grad nicht will. Es gibt Ungleichheiten und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft und irgendwie ist sowieso alles viel, viel komplizierter, als man erstmal denkt. Dass Scout, obwohl sie vieles (noch) nicht versteht, dennoch vehement die Gerechtigkeitsideale ihres Vaters zu erhalten versucht, macht sie sympathisch und ihr Verhalten absolut ehrenwert.

Im Laufe der Zeit stellte ich mich automatisch solidarisch mit der pragmatischen Calpurnia, dem realistischen (und manchmal gar idealistischen) Atticus, und vor allem mit dem Dreiergespann Jem, Scout und Dill. Letztgenannter, ein Freund der beiden Finch-Kinder, soll angeblich mit voller Absicht an Truman Capote, Harper Lees Freund aus Kindertagen, erinnern. Aus ganzem Herzen verflucht hingegen habe ich Tante Alexandra und ihre "Ladys" (obwohl, sie wollen ja nur das Beste und können halt nicht anders, und so weiter und so fort) und Mr. Ewell, weil einfach nur bösartig.

So richtig "thrilling" ist jedoch die ganze Nebengeschichte um Arthur "Boo" Radley. Auch wenn in vielen der Kapitel gar nicht oder nur am Rande von ihm die Rede ist, die innere Stimme des Lesers und der Leserin wütet permanent im Kopf herum: WER IST DIESER BOO? IST BOO NETT? ODER GEHÖRT BOO ZU DEN BÖSEN? WERDEN SCOUT UND JEM BOO IRGENDWANN AUS SEINEM HAUS LOCKEN KÖNNEN? WENN JA – UM HIMMELS WILLEN, WIE SIEHT BOO RADLEY AUS!? Lest das Buch selbst. Ihr werdet mich verstehen. Es ist zum Ausrasten.

Harper Lees "To kill a Mockingbird" kann man faszinierende Weise auf ganz verschiedene Weisen lesen, wie es auch Felicitas v. Lovenberg im Nachwort der neuesten deutschen Ausgabe erzählt: "… als aufrüttelndes Plädoyer gegen Rassismus und für Zivilcourage, als Auseinandersetzung mit einem Rechtssystem, das keine Unvoreingenommenheit garantiert, als Porträt des 'Southern way of life' und als Entwicklungsgeschichte des Wildfangs Jean Louise 'Scout' Finch".

Ergreifend ist die Tatsache, dass die erzählte Geschichte so erschreckend gut auch unsere heutige Zeit wiederspiegelt. Nicht nur, wenn es um das Problem von Rassismus und Fremdenhass in den USA, Europa und der ganzen Welt geht. Auch Geschlechterfragen und jene zur Gleichberechtigung aller Menschen werden aufgeworfen, oder die manchmal wirklich frustrierende Hierarchie zwischen den Erwachsenen und den Kindern dieser Welt aufgezeigt. Oder Fragen, die wir uns alle irgendwann einmal im Leben stellen: wann will ich vernünftig sein und nachgeben, wann meiner Emotion folgen und einfach zuschlagen? Beziehungsweise, wie lange kann ich 'wollen', ab wann 'muss' ich?

Fazit. Auch wenn das Buch in manch schulischen Einrichtungen Pflichtlektüre ist, so sollte man es doch vor allem nochmal als Erwachsene/r in die Hand nehmen und auf sich wirken lassen, denn: wir haben momentan wahrlich alle ein bisschen Scout nötig.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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