LITERATUR

Wahrheit vs. Wirklichkeit

vigan'Die folgende Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit' oder auch 'Etwas Ähnliches hat sich in den frühen 80er-Jahren zugetragen, irgendwo an der Ostküste' - was klingt wie die Auflösung der Wahr-oder-Falsch-Geschichten bei X-Faktor, ist den meisten wahrscheinlich noch aus anderen Teilen des Alltags bekannt. Eine Unzahl an Buchcovern wird mittlerweile mit derartigen Untertiteln versehen, um auf den Wahrheitsgehalt vom Erzählten aufmerksam zu machen. Die Leserschaft soll davon angezogen werden, dass es so oder so ähnlich 'wirklich passiert' ist.

Wieso eigentlich? Was macht diese Faszination für "wahre Geschichten" aus?

Derartige Überlegungen sollten jüngst der französischen Schriftstellerin Delphine de Vigan als Fundament dienen, ihren neuesten Roman darauf zu bauen, der nun auch endlich auf Deutsch erschienen ist. In dem Buch mit dem klingenden Titel 'Nach einer wahren Geschichte' verwebt sie geschickt ihre eigene Biographie mit jener ihrer Hauptfigur und schafft so immer mehr Metaebenen:

Die Romanheldin heißt nämlich ebenfalls Delphine und ist eine französische Schriftstellerin, deren letzter Roman ein absoluter Bestseller wurde. Darin erzählt sie ihre eigene schmerzliche Lebensgeschichte, die im Selbstmord ihrer Mutter gipfelt. Der immense Erfolg dieser autobiographischen Erzählweise bringt ihr aber auch Feinde ein – Verwandte, Bekannte, alte Freunde, die ihr das rücksichtslose Erzählen der unabgeänderten Wirklichkeit übelnehmen. Eines Abends lernt sie auf einer Party die schöne L. kennen, deren geheimnisvolle Andersheit sie anzieht. Die beiden werden Freundinnen. L. schreibt ebenfalls, allerdings als Ghostwriterin. Delphine fühlt sich von L. endlich in ihrem Wesen verstanden und aufgrund ihrer vielen Gemeinsamkeiten weiht sie sie sogar in die Pläne für ihr nächstes Buch ein – diesmal soll es ein fiktionaler Roman werden. Es folgen hitzige Diskussionen, die vorrangig vom vermeintlichen Anspruch der Leserschaft auf den Wahrheitsgehalt von Literatur handeln, der L. über alles zu gehen scheint. Als Delphine in ihrer stark depressiv gefärbten Schreibblockade langsam zu ersticken droht, übernimmt L. nach und nach immer mehr von Delphines Leben. Jedoch ohne, dass jemals jemand L. tatsächlich zu Gesicht bekommen hätte…

Delphine de Vigan überschreibt also viele ihrer autobiographischen Eckpunkte auf die Protagonistin. Sie spielt mit Wirklichkeit und Fiktionalität und springt souverän zwischen den Metaebenen herum, sodass man sich zwangsläufig mit der Frage nach literarischer Authentizität konfrontiert sieht – was ändert es also an einer Erzählung, wenn sie den Zusatz ‚Nach einer wahren Geschichte‘ aufgedrückt bekommt?

Geht es um die (vermeintlich) vermehrte Authentizität? Steigert es das Mitgefühl oder das Einfühlungsvermögen bei der Lektüre? Ich kann nicht gänzlich abstreiten, dass Erzähltes mir und sicher auch vielen anderen vermutlich ein Bisschen näher geht, wenn es die Figuren 'wirklich' gab. Beispielsweise sah ich mich allein in dieser Rezension scheinbar unbewusst verpflichtet, auf die autobiographischen Züge der Autorin in diesem Roman hinzuweisen.

Können wir tatsächlich besser oder intensiver mit Charakteren einer Geschichte mitfühlen und mitfiebern, wenn wir wissen, dass es sie in unserer gemeinsamen Wirklichkeit gab? Geht es uns vielleicht sogar um die Vorstellung, dass es auch "wir" hätten sein können?

Oder – um ein überspitztes Gedankenexperiment zu machen - was wäre beispielsweise, wenn ein Buch mit einem derartigen Verweis verkauft wird, man von der Geschichte komplett ergriffen und mitgerissen wird und sich am Ende herausstellt, dass es sich nur um einen Verkaufstrick gehandelt hat und alles eben doch nie 'wirklich passiert' ist? Wird die Geschichte oder unsere emotionale Anteilnahme daran dadurch rückwirkend ausgehöhlt?

Bei derlei Gedankengängen gerät man nur allzu schnell ins Schleudern, aber grundsätzlich lässt sich wohl zusammenfassend die Frage danach formulieren, was es am Lesevergnügen ändert, wenn eine Geschichte 'wirklich passiert' ist. Ist sie nur dann auch 'wahr'?

Fazit: Ein sehr spannender, redegewandter Roman, der zum Nachdenken anregt.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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