LITERATUR

Am Wochenende war ich essen…

 

Zwischen Land- und Stadtleben, zwischen "von sich geben" und tatsächlichem "miteinander reden" spielen sich die "Ultra-Shortstorys" von Sebastian Frank Turner ab. Im sympathisch exzentrischen "Phil" bei der Mariahilferstraße, gleichzeitig Buchladen und Bar/Café, habe ich ihn getroffen. Den Tisch voller Getränke, welche die kontemporäre Alternativkultur perfekt wiedergeben, haben wir ein kleines Frage-Antwort Spiel vollführt.

sebastianfrankturnerChristopher Gajsek: Ist Wien oder auch Österreich für dich eine wichtige Inspirationsquelle?

Sebastian Frank Turner: Wien ist sehr wichtig für mich, zumal ich die ersten 14 Jahre meines Lebens dort verbracht habe. Die folgenden am Land. Ich mochte beide Lebensabschnitte, obgleich ich jetzt nur mehr in einer großen Stadt leben kann. Infrastruktur und Ansprechpartner sind die ausschlaggebenden Gründe. Ich mag die kulturelle Vielfalt, bin ihr früh begegnet. Mein damaliger Freundeskreis bestand hauptsächlich aus Schulkollegen mit Migrationshintergrund, mein bester Freund war Armenier. Mit ihm war ich auch recht früh auf kulturellen Veranstaltungen, wie etwa Klavierkonzerten. Ein skurriles Erlebnis von einem Klavierabend. Ich sitze vorne in der ersten Reihe, sagt mein Sitznachbar (ein Herr um die 50): "Na kannst du schon unsere Sprache?" (mein österreichisches Aussehen dürfte mich verraten haben) und ich so "Nein gar nicht, aber ich verstehe mich sehr gut mit Leuten aus der Community" und er so darauf: "Ach das ist ja nicht so schwer", und spricht eine Stunde lang ausschließlich armenisch mit mir. Obwohl ich ihn immer drauf aufmerksam machte, dass ich ihn nicht verstehen würde. Unerbittliches "Du kommst schon rein, du kommst schon rein" schmetterte alle Einwände von mir ab. Und um zur Beantwortung deiner Frage zurückzukehren. Ich mochte die Zeit "am Land", wohnte in der Nähe von Mistelbach (Niederösterreich), in einer ganz kleinen Ortschaft mit 90 Einwohnern. Da kommt man hin, und hat halt das Gefühl die Zeit ist einfach mal stehen geblieben. Was in Wien gerade modern war, ist dort drei bis vier Jahre später angekommen. Und kommt man ins Weinviertel oder in dessen Umgebung mit einem Wiener Akzent (lacht)? Da zeigen sie einem natürlich den Finger. Und es ist nicht der Daumen. Hausbauen, heiraten, Kinder kriegen und das mit 22, 23, 24, war keine Option für mich! Daher zurück nach Wien, einer lebendigen Stadt mit kulturellem Austausch und der Chance das Leben zu spüren.

C.G.: Was sollen die Leute über dich wissen? Erzähl doch etwas über dich als Kurzgeschichtenschreiber.

S.F.T.: Mein schriftstellerisches Alter Ego nennt sich Sebastian Frank Turner und ich mag ihn sehr oft nicht. Ich verwende das Pseudonym, um oberflächlichere Extreme darzustellen. Es gibt mir die Möglichkeit sich anders zu präsentieren, als man es tagtäglich machen kann. Ich sehe mich als Storyschreiber des Wiener Untergrunds. Weder erfolgreich, noch bekannt. Meine Kurzgeschichten sind von Minimalismus, Verkürzung und trockenem Humor gekennzeichnet. Meine ersten Gedichte habe ich mit zwölf (nicht herzeigbar), Ultra Short Stories mit Anfang 30 verfasst. Ich will, konnte und kann vom Schreiben nicht leben. Im Herzen bin ich Eisverkäufer in Wien Meidling. Es ist so leicht Personen glücklich zu machen. Oder Kiwi-Züchter in Neuseeland. Das geht noch leichter! Vielleicht noch zu meiner schriftstellerischen Genesis. Mit steigendem Alter steigt die Beobachtungsneugierde. Immer häufiger merke ich, dass Gespräche zwischen vertrauten Personen zum reinen Informationsaustausch verkümmern. Gefühle und Erlebnisse werden sprachlich versachlicht oder gar nicht mehr geteilt. Erschreckend ist auch, dass manche Personen (Vorurteil!) schlicht gar nichts zu erzählen haben, nicht weil sie es nicht wollen, sondern, weil es nicht viel zu erzählen gibt. Beispiel: Sagt sie zu mir: "Unter der Woche arbeite ich, am Wochenende war ich essen". Ich: "Oida!" Ich mach' das täglich (essen) und das sogar zwei, meist sogar drei Mal!

C.G.: Bezüglich unseres Aufrufes "etc. sucht etc.". Du hast uns fünf Kurzgeschichten dazu geschickt und ich wollte fragen, ob diese Auswahl zufällig getroffen wurde oder ganz gezielt so ausgefallen ist.

S.F.T.: Ende 2017 erscheint im Eigenverlag mein erster Sammelband mit Ultra Short Stories. Der Titel wird "Rosenrots Vulva" lauten. Ein Teil des Buchtitels ist dem Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot" der Gebrüder Grimm entliehen. Zum einen "Rosenrot", die den Bruder des Königssohns, den Gatten von Schneeweißchen, heiratet. Zum anderen "Vulva", um Leser mit einem reißerischen Titel anzulocken und zum Kauf des Buchs niederträchtigst zu bewegen. Um nicht auf den Index zu kommen, wurden gängige Wiener Ausdrücke für weibliche Geschlechtsteile vermieden. Es werden 50 bis 70 Stück an der Zahl sein – teils mit Anleihen aus anderen Schriftstücken (aufgrund schöner Formulierungen). Ein gewisser autobiographischer Touch kann ihnen nicht abgesprochen werden. Nicht immer ist der Erzähler jedoch mit meiner Person gleichzusetzen. In meinen Geschichten geht es um das Leben. In kurzen Sätzen wird versucht die Essenz erlebter Alltagsgeschehnisse festzuhalten. Meine Ultra Short Stories handeln allesamt von namentlich genannten, dem Ich-Erzähler aber unbekannte Personen, die unhinterfragt Situation hinnehmen und akzeptieren. Surreales wird in die Realität gehoben und schiebt sich in tägliche Abläufe. Vorurteile, Meinungen und Situationen werden unverstanden vom Ich-Erzähler beschrieben. Er selbst kommt als Beobachter und Interpret von Abläufen überdurchschnittlich gut weg. Selbstverliebtheit, Egomanie und Besserwisserei sind sein eigen. Ich bin auf euch gekommen, nachdem ich auf mehreren Seiten und Zeitschriften Inserate sah, die mich aber aufgrund der Gattungsarten nicht interessierten. Ich mochte euren Aufruf und schickte daraufhin gleich meine fünf besten Geschichten los und freue mich nun, ausgewählt worden zu sein. Ich habe absichtlich der Steffi (S.F.T. ist ein Bekannter unserer stellvertretenden Chefredakteurin Stefanie Braunisch) nichts gesagt, um zu sehen, ob ihr auch der Meinung seid, dass ich ins Programm eures Magazins passe.

Ende des Interviews.

Da ich selber wohl kein besseres Ende an dieser Stelle anbringen könnte, eine Passage von seiner Kurzgeschichte „bugs und ich“:

"(…) Ich stecke den Autoschlüssel ins Zündschloss und der Wagen springt an. Ich nehme die erste Straße zur Rechten und beschleunige auf 100 Stundenkilometer, bremse die Kurve leicht an und schalte in den vierten Gang. In weiter Ferne regt sich eine Gestalt im Dunkeln. Der Lichtkegel des Scheinwerfers erfüllt sein borstiges Gesicht. Seine beiden Schneidezähne quellen deutlich aus dem Maul hervor. Die Ohren spitz aufgestellt, seine Flanken für einen Hakenschlag bereit - sein verstörter, kalter Blick lastet auf mir. Atomwaffen im Irak. Pferdefleisch in der Lasagne. Töpfern für den Weltfrieden. Hat in diesem Moment alles keine Bedeutung. Es gibt nur mehr die Straße, Bugs und mich."

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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