LITERATUR

Rap meets Reclam bei "Rapper lesen Rapper"

rlr01An einem der ersten lauen Frühsommerabende des Jahres treffen am Karlsplatz – wie an so vielen Orten in Wien – zwei kulturelle Welten aufeinander: Rechts strömt ein älterer Jahrgang in Abendgarderobe in den Musikverein, während sich links vor dem Brut, einem geschätzten Zuhause österreichischer Performancekunst, eine Menschentraube aus jüngeren Schnurrbartenthusiasten und Beanie-Trägerinnen bildet. Ich schultere meinen Juterucksack und steuere auf letztere zu.

Die Bühne für "Rapper lesen Rapper" erinnert an ein 50er-Jahre Wohnzimmer, inklusive gemütlichen, braunen Ledersesseln, Plattenspieler und Stehlampe mit Zylinderschirm. Gegen Viertel vor neun wird das Licht gedimmt, und die beiden Moderatoren betreten die Bühne. David Scheid und Fozhowi, selbst namhafte Mitglieder der österreichischen Hip-Hop Szene, eröffnen mit Charme und Eloquenz die "erste Hip-Hop Late Night Show Europas", die sich innerhalb eines Jahres als unkonventionelle Eventreihe für Fans von Sprechgesang und Dichtkunst etabliert hat – auch "so vong der sizigkeit her".

Die sechs Vortragenden, ein Querschnitt der urbanen Musik- und Lyrik-Szene, nehmen nacheinander an einem Lesepult am linken Rand der Bühne Platz. Eröffnet wird von Mieze Medusa, Mutter des österreichischen Poetry-Slams, die mit sanfter aber expressiver Stimme die sozialkritischen Lyrics der französischen Rap-Koryphäe Oxmo Puccino vorträgt. Die Schönbrunner Gloriettenstürmer, die dem Schlager zu einer neuen Blütezeit verhelfen wollen, rezitieren den genialen Linzer Wortspieler Kroko Jack mit "Micjack". FM4 "Tribe Vibes" Host DJ Phekt liefert den Höhepunkt des Abends: durch seine gelungene Übersetzung in österreichischen Dialekt wird aus der Drogen-Hymne "Weedman" von West Coast Rapper E-40 ein mehr als amüsantes Muttertagesgedicht mit dem Refrain: "He Mama, i kenn in Gros-Mau".

Noch reizvoller aber sind die Gespräche mit den Künstlern zwischen den Performances. Scheid und Folzhowi schenken Tetrapak-Rotwein ein und überzeugen als schlagfertige und aufmerksame Interviewer. Mieze Medusa ist froh, dass sie einmal nicht zum Genderproblem des Hip-Hops befragt wird, und kritisiert stattdessen ohne Namen zu nennen jene Politiker, die einzelne Aspekte des Musikgenres missbrauchen ohne auf dessen konstruktive Elemente einzugehen. DJ Phekt schwärmt von seiner ungebremsten Leidenschaft für Vinyl, und der Mitbegründer des Musiklabels Futures Future, Gerard, spricht offen und pragmatisch über das Fördern junger Talente in einem kompetitiven Business. Die Distanz zwischen Bühne und Publikum ist merklich geschrumpft, und bald gibt es neben reichlich Applaus und Gelächter auch freundliche Zwischenrufe und sogar eine spontane Freestyle-Einlage aus dem Zuschauerraum.

Zum Abschluss hält Rapper und Grafiker Sayne One eine Einführungsvorlesung zur Etymologie einiger Rap-Termini. Bei einer so brillanten Idee ist es bedauerlich, dass sich die Auswahl der Begriffe ausschließlich auf die Vulgärsprache beschränkt, sodass man fast das charakteristische Zensur-Peep der amerikanischen Tonight Show herbeisehnt. Immerhin war der bisherige Tenor des Abends - zurecht - dass guter Rap so viel mehr zu bieten hat als Genitalsynekdochen und Mutmaßungen über mütterliche Berufsfelder.

Als ich das Brut gegen halb 11 verlasse und einen Blick auf den nun in Dunkelheit gehüllten Musikverein werfe, frage ich mich: Hip-Hop und Lesepult, Kendrick Lamar und Goethe - passt das? Ja, und zwar überraschend gut. "Rapper lesen Rapper" unterhält und zeigt nebenbei eindrucksvoll, wie willkürlich Grenzen zwischen traditionellen und jüngeren Kunstformen sind. Abgesehen von eklatantem After Show-Mangel in einem der beiden, sind sich die innovative Spielstätte und das klassische Konzerthaus am Karlsplatz vielleicht doch nicht so unähnlich.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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