LITERATUR

Schreiben ist wie verliebt sein

literaturfest02Zu Gast in 1180 – eine Wiener Ecke, in die es mich zugegeben selten verschlägt und die einmal wieder die Vielfältigkeit dieser Stadt beweist. Für diejenigen unter euch, die sich ebenso wenig aus ihrem Grätzl trauen, haben wir Währing und seine Zuckerseiten vor ein paar Wochen in Worte gefasst. Und all jenen, die den 18. Bezirk eh schon kennen wie ihre Westentasche, ist in den letzten Monaten bestimmt das ein oder andere pinke Plakat von Art18 aufgefallen. Das Kunst.Fest.Währing entsteht aus der Zusammenarbeit des Bezirks Währing und dem Verein Art18. Von diesem wurde der ursprüngliche Artwalk18 bereits 2014 ins Leben gerufen, um Einblick hinter geschlossene Türen und Fenster Währinger Ateliers zu bieten. Heute ist er zum einmonatigen Kunstfest herangewachsen und lädt insbesondere Künstlerinnen und Künstler aus der Umgebung ein, ihr Schaffen in vertrauter Atmosphäre mit den Besucherinnen und Besuchern zu teilen.

literaturfest01An besagtem Wochenende des 13. und 14. Mai drehte sich in Währing alles um Literatur und dort heimatliche Literaten. Den Auftakt bildete Julya Rabinowich mit ihrem neuesten Roman "Dazwischen: ich", gefolgt von Marc Carnal, Peter Henisch und Thomas Maurer. An Tag zwei konnte man Gudrun Lerchbaum, Radek Knapp, Kurt Palm und abends dem Trio aus Maria Hofstätter, Martina Spitzer und Martin Zrost lauschen.

Bei dem strahlenden Sonnenschein ist es fast schon eine Überwindung, sich in das dunkle Café Mocca zu setzen und ein Soda Zitron zu bestellen. Der Sprudel kitzelt im Mund. Draußen lacht die Sonne. Drinnen wird es still, als Radek Knapp sich räuspert und sein Publikum, bestehend aus einer handvoll Menschen und einem Hund, begrüßt – kein Wunder: der erste fast sommerliche Sonntag und noch dazu Muttertag, diese Kombination minimiert die Besucherzahl ein wenig. Knapp selbst ist ursprünglich aus Polen, jetzt Wiener oder eben Währinger. Seinen autobiografischer Roman "Der Mann, der Luft zum Frühstück aß" stellt er als Emigrantenliteratur vor, darin schildert er die Schwierigkeiten und Schönheiten, seinen Platz in Wien zu finden.

literaturfest03Knapp trinkt Saft, wahrscheinlich Orange oder Marille, und lächelt verschmitzt – da verzeiht man ihm gerne den ein oder anderen unglücklichen Witz. Die Seiten rascheln, als er sein Buch aufschlägt und zu lesen beginnt. Lachen aus dem Publikum und das Rauschen vorbeifahrender Autos legen sich dann und wann über seine Worte. Diese schildern seine „Migrantenfremde“ und wie diese einer Existenzfremde, die wohl jede und jeder schon verspürt hat, gleicht. Er erzählt von Grenzen und deren Überschreitung, im wörtlichen, wie übertragenen Sinne. Nach zirka einer Stunde schließt Radek Knapp sein Buch, plaudert aus, dass er Marmelade und Äpfel am Kutschkermarkt verkauft und antwortet auf die Frage eines Besuchers, wie er schreibe: „Schreiben ist wie verliebt sein.“

Weil’s so schön ist, die Luft nach Sommer duftet und ins Grüne lockt, lege ich mich anschließend ins Gras. Der Türkenschanzpark ist eine Oase und ich verliebe mich einmal mehr in diese wunderschöne Stadt.

Kommendes Wochenende, den 20. und 21.Mai 2017 geht das Kunstfest mit dem Theater.Fest.Währing ins Finale.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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