LITERATUR

Der Mensch als Gott

homo deus 01Hararis Autorenkarriere begann mit Sapiens. Er sollte an der Universität von Jerusalem einen Kurs über die Geschichte der Menschheit halten, viele seiner Kollegen hatten diese Herausforderung abgelehnt. Herausgekommen ist abseits des Kurses eben noch das Buch Sapiens - a brief history of humankind. Harari wurde weltweit gelobt und bejubelt, wird seit Jahren zu aktuellen und zukünftigen Entwicklungen und der Rolle von Technologie befragt. Der Ausblick in die Zukunft war damit nur ein logischer nächster Schritt.

Homo Deus - a brief history of tomorrow ist aber nicht einfach nur ein Buch voller Vermutungen über die Zukunft. Stattdessen analysiert er die Geschichte und sucht dabei übergeordnete Themen. Seine Herleitungen beginnen wieder mit einem Überblick der Vergangenheit, die Entwicklung von Religion, Philosophie und Ideologien bildet dafür die Basis. So kommt es, dass gut zwei Drittel des Buches die Entstehung der heutigen Weltbilder erklären - mit Fokus auf die sogenannte westliche Welt. Auf den ersten Seiten - inhaltlich dem Beginn des Lebens - macht dieser Zusammenhang noch wenig Sinn, doch im Laufe des Buches erklärt Harari die Entstehung dieses Weltbildes und bringt unterschiedlichste geistige Entwicklungen in einen Zusammenhang. Und genau das ist schließlich die Grundlage für die Thesen über die Zukunft.

Der Mensch schafft sich zur Erklärung unbekannter Faktoren Götter, gibt diesen gewisse Rollen und beginnt aber gleichzeitig die unbekannten Faktoren zu erforschen. Diese Erkenntnisse führen wiederum zu einer Reduktion des "göttlichen Einflusses" und geben dem Menschen neue Macht. Macht, die neue Spielregeln für die Gesellschaft verlangt und so zu neuen Geistesströmungen führt. Bis diese Macht des Menschen immer weiter zu nimmt und er sich selbst auf die Stufe seiner ehemaligen Götter setzt - zum Homo Deus wird.

Hararis Ausführungen klingen teilweise wie erschreckend realistische Dystopien, haben aber den Nachteil einer faktischen Grundlage. So basiert jede Schlussfolgerung nicht nur auf einem bisherigen oder absehbaren technologischen Fortschritt, sondern auch auf einer bisherigen geistigen Entwicklung. Schlussfolgerungen, die beim Größenwahn der Menschheit nicht immer schöne Aussichten sind.

Einer der prägnantesten Abschnitte, der auch in vielen Rezensionen zitiert wird, ist die heutige Philosophie. Im Gegensatz zu einfachen Weltbildern, in denen Gott alles bestimmt hat, sind wir heute nämlich hauptsächlich aneinander gebunden. Also, von Mensch zu Mensch. An unsere sozialen Systeme, an unsere Politik und auch an die Technologiefirmen. Besonders wenn es um die Zukunft geht, sind Google, Facebook, Algorithmen, Bio-Engineering und dergleichen nämlich nicht mehr wegzudenken. Genau an diesem Punkt geht es für Harari aber noch einmal um den heutigen Gesellschaftsvertrag. Was gibt man her, was bekommt man dafür. Und wie es das Streben des Menschen so will, ist Macht hier ein Hauptmotiv. Doch anstatt Macht zu bekommen, indem wir den Sinn des Lebens von einem Gott erklären lassen, wie die Bischöfe im Mittelalter, gibt es heute einen neuen Gott: Technik.

Spätestens bei der Analyse, wie viele heutige Berufe einmal durch Algorithmen ersetzt werden können, wird es gruselig. Das sind nämlich wesentlich mehr, als ich bisher gedacht hätte und auch was Jobchancen angeht, gibt es Überraschungen. Archäologie ist unter diesem Aspekt endlich ein Beruf mit Zukunftschancen, schließlich können Roboter noch länger nicht die mechanischen und intellektuellen Aspekte dieser Arbeit in sich vereinen. Tatsächlich geht es Harari bei der Frage aber darum, was passiert dann mit all den Menschen? Wie verbringen sie ihren Alltag, wie sollen dann Revolutionen verhindert werden?

Zu diesem Zeitpunkt ist der Gedanke an Matrix einfach nicht mehr zu verhindern. Im Gegensatz zu einer einfachen Dystopie findet Harari aber immer wieder Möglichkeiten, im akademischen Jargon zu bleiben und seine Erklärungen glaubhaft wirken zu lassen.

Harari bleibt aber nicht nur bei diesem einfachen Beispiel. Stattdessen wechselt er von Gentechnologie und deren Bedeutung für den Islam zur Rolle der Technologiefirmen und deren Einfluss auf unsere Gedankengänge. Die Fragen wirken berechtigt, denn was machen wir wirklich, wenn Facebook-Algorithmen beeinflussen können, wen wir wählen? Erste Anzeichen so einer Praxis sind ja bei der Trump-Wahl schon vorgekommen. Aber auch da geht Harari noch einmal einen Schritt weiter. Was ist, wenn wir nicht mehr nur als Menschen vor dem Internet sitzen, sondern direkt damit vernetzt sind? Wie werden wir geistig interagieren, wie wird das unsere eigenen Gedanken beeinflussen? Oder noch extremer, werden wir dann noch selbstständig denken?

Harari wirft viele Fragen auf, beantwortet sich auch ansatzweise. Schön und unterhaltsam ist das nicht immer, aber eindeutig lehrreich. Für alle Philosphie-Fans und alle Zukunftsneurotiker ist Homo Deus damit eindeutig empfehlenswert.


Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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