LITERATUR

Von Dichterdrogen und Wortmaschinen

Schreiben und Rausch. Konzentration und Exzess. Wie beeinflussen sich diese den Körper und den Geist so einnehmenden Zustände? Die aktuelle Sonderausstellung „Im Rausch des Schreibens – Von Musil bis Bachmann“ im Literaturmuseum Wien widmet sich dieser Frage mit einem breiten Spektrum an Original-Exponaten, das literarische Tätigkeit in einer Spirale von Ekstase und Entsagung präsentiert.

literaturmuseum02Betritt man den dritten Stock des wunderbaren Altbaus in der Johannesgasse 6, so findet man eine übersichtlich strukturierte, in fünf „Kammern“ (von deckenhohen Bücherregalen getrennte Schaubereiche) und Schwerpunkte geteilte Ausstellung vor, die nicht erahnen lässt, dass man einen Rundgang durch das Werk österreichischer Autorinnen und Autoren begehen wird, das von Überspanntheit, Raserei, Ekstase, Krankheit, Einsamkeit und ja, sogar Askese gekennzeichnet ist. Was den Schaffenden aber gemeinsam ist: Der Drang zu schreiben. So kann man bereits am Anfang in Elfriede Gerstls Gedicht „dichterdroge“ vom „reimehype“ und dem „flash in einer gedichtzeile zu schweben“ lesen.

In den dunklen Holzregalen findet man nicht nur akribisch immer wieder überarbeitete Manuskriptseiten und Notizblätter von Ingeborg Bachmann und Theodor Kramer, sondern auch eine Plattensammlung von Miles Davis bis Franz Liszt, die tranceartige Wirkungen auf AutorInnen wie Friederike Mayröcker und Ernst Jandl ausübten, durch die „die Wortmaschine“ angeregt wurde, wie es Josef Winkler in einem Zitat aus „Menschenkind“ beschreibt. Von nichtsubstanzgebundenen Räuschen der „dichterdroge“ geht es weiter zu den delirienhaften Zuständen, die durch Zigaretten, Alkohol und diversen anderen Drogen (natürlich gibt es dazu eine Audio-Station mit „Ganz Wien“ von Falco) ausgelöst und in Texten festgehalten wurden. Bald werden dem Besucher durch Manuskriptausschnitte und Zitattafeln die dunklen Auswüchse des übermäßigen Konsums vor Augen geführt. So hat mich der Gedichtzyklus „hans im glück“ besonders berührt, in dem Gunter Falk unter anderem schreibt: „hans trinkt wenn er lustig sein will / hans will lustig sein wenn er angst hat / hans hat angst wenn er trinken will“. Angst und eine nicht enden wollende Spirale der Sucht hatte auch Friedrich Torberg im Griff, der unter seinem übermäßigem Zigarettenkonsum litt und befürchtete, sollte er dem Glimmstängel jemals abschwören, auch gleich seinen Schreib-Beruf an den Nagel hängen könnte. Zigaretten kamen auch im Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann eine große Bedeutung zu: Für die Protagonistin vergeht die Zeit nicht in Stunden oder Minuten, sondern wird in gerauchten Zigaretten gemessen. Ein sinnliches Dahinsiechen, bis der Liebhaber zurückkehrt.

Weiter geht es zu den ekstatischen Entfesselungen bei Arthur Schnitzler („Traumnovelle“) und Mela Hartwig, die in „Aufzeichnungen einer Häßlichen“ auf den „Messias des Fleisches“ wartet und in den 1920er Jahren mit ihren Beschreibungen fieberhafter Selbstbezichtigung eine Schockwelle auslöste.

literaturmuseumEine gelungene Abrundung dieser Schreibpraktiken bildet die letzte Station, die sich mit dem Exzess und der Askese auseinandersetzt und mitunter Korrekturfahnen der Zeitschrift „Die Fackel“, herausgegeben von Karl Kraus, zeigt. Kraus’ penible und intensive Korrekturarbeit grenzt fast an asketische Praktiken, auch bei Peter Handke stehen für eine fruchtbare kreative Arbeit Konzentration und Kontinuität im Mittelpunkt und Adalbert Stifter hat sich vor allem in den letzten Jahren seiner Schreibtätigkeit dem „Weniger“ verschrieben, was in einer wesentlich reduzierteren Schreibweise resultierte.

Am Schluss der Ausstellung kann man es sich noch im Video-Raum bequem machen, in dem zwei Ausschnitte aus Film („Wer war Edgar Allan“, geschrieben von Peter Rosei, mit Paulus Manker in seinem Element) und Theater („Die Präsidentinnen“, geschrieben von Werner Schwab) gezeigt werden, in denen die Zwiespältigkeit des Rausches, seine tückischen Hochs und sein unvermeidlichen Tiefs, wunderbar Ausdruck finden (wenn auch etwas zu leise).

Und wenn ich schon bei Ambivalenzen angekommen bin: Die ruhige, ein wenig stickige, laue und nur mit dem Knarzen der Holzböden erfüllte Räumlichkeit des Literaturmuseums hat zuweilen einen beruhigenden Effekt auf mich als Besucherin, die sich von Texten, Notizen und der beachtlichen Pfeifensammlung von Jandl sowie Helmut Qualtingers Stimme zu Doderers „Die Einschüchterung“ selbst schon fast berauscht fühlt. Gut berauscht.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

Back to Top