LITERATUR

Märchen von einer, die ausziehen musste

nesselhemd02Ad infinitum. Mit diesen Worten schließt sich in Elfriede Kerns neuem Roman "Das Nesselhemd" ein Kreis voller Anläufe, Blockaden, Rückfälle und Aufbrüche, die die Protagonistin Meret mit zunehmend schwindenden Kraftreserven durchlebt – und vor allem: überlebt. Ein Roman, der wegen seiner Beweglichkeit in Kategorien wie Zeit und Raum die Hirnwindungen reizt.

Von schwarzen Raben ist die Rede, von Nesselhemden, einem Mädchen in einem hohlen Baumstumpf; Merets Nemesis Sam drängt sie, sich diese Abbildungen genau anzusehen, das Märchen der "Sieben Brüder" zu lesen und – was am wichtigsten ist – sobald als möglich zu verschwinden. Und das ist nun auch einer der wenigen Fixpunkte in dem Roman, der immer und immer wieder bis aufs Schmerzlichste betont wird. Sam will Meret in die Unbehaustheit schicken und selbst "in ihrem Bettchen schlafen, von ihrem Tellerchen essen und aus ihrem Becherchen trinken". Doch wer ist Meret? Und was bezweckt Sam?

Diese Fragen lassen sich nicht allzu leicht beantworten, denn die Vorgeschichte der ruhelosen Protagonistin wird dem Leser nur tröpfchenweise in dieser Odyssee offenbart und wirkt in jenen Momenten fast fehl am Platz, wenn man sich einmal dem ekstatischen und gespannten Schreibstil hingegeben hat. Denn Realität spielt hier nicht die Hauptrolle. Merets angestrengter Versuch, ihre Erlebnisse minutiös in zwei Hefte zu schreiben – eines für die realen Begebenheiten und eines für die möglichen –, scheitert kläglich. Was ist nun Realität und welche ist mitteilenswert?

Aber nochmal zum Versuch, einen roten Faden zu finden: Meret, eine junge Frau, deren Eltern verstorben sind und die mit ihrer ehemaligen Kinderfrau nun im Haus lebt, wird von der Figur Sam manipuliert, zu verschwinden, um ihren Platz einnehmen zu können. Bereits einige Male musste sie auf Drängen des egoistischen Begleiters, nur spärlich ausgerüstet, die Stadt verlassen und sich in den Wald am Stadtrand ansiedeln. Über die Berichte, die sie in einer verkommenen Hütte verfasst, erfährt der Leser von einer Kette schwerer Proben, welcher sie aufgrund der strengen Ablehnung Sams ausgesetzt war.

Nicht nur Sams gemeine Anregungen ("Sieben Jahre schweigen, ein Nesselhemd weben, in einem hohlen Baumstumpf wohnen, du arbeitest daran, ja?") verweisen auf Märchenhaftes, sondern auch in verzweifelten Situationen, in die sich Meret auf der Suche nach ihren Habseligkeiten begibt, werden Motive aus Märchen wie "Die sieben Raben", "Die zwölf Brüder" sowie "Die wilden Schwäne" aufgegriffen. So wird ihr von zwiespältigen Gestalten ein Nesselhemd übergezogen und ein Rabe an die Schulter geheftet. Ein andern Mal findet sie sich auf der Flucht in einem hohlen Baum wieder. Unablässig wird sie von ihrer inneren Stimme, die Sam zunehmend verdächtig ähnlich klingt, vorwärts getrieben, nur keine Ruhe, immer weiter, sich an die Reiseroute halten, an die Abmachung mit Sam.

In den Märchenstoffen sind es die tapferen Mädchen, die sich auf die Suche nach ihren verwunschenen Brüdern machen. Trauer und ein schlechtes Gewissen sind deren Hauptantrieb. Hingegen scheint Sams Motivation, Meret wegzuschicken, ein Drang nach Freiheit zu sein, frei vom Ballast, den sie für ihn verkörpert. Sie ist etwas, das ihn zurückhält in seinem Plan, sich in ihrem Leben auszubreiten wie ein Parasit.

Eine wunderbare Symbiose bilden Elfriede Kerns Schreibstil mit den Gedankengängen und körperlichen Befindlichkeiten der Protagonistin, die von ritualhaften und gedrängten Prozessen bis zur totalen Erschöpfung reichen. Eine kühle Brise weht einem entgegen, wenn man endlich von entspannten Momenten liest, und es schmerzt umso mehr, wenn das Nesselhemd sich dann in der Haut verhakt. Abgesehen von ein paar Redewendungen, die den bildreichen Roman etwas überladen, ist dies ein Roman, der dem Leser etwas zutraut, glücklicherweise nicht erklärt, und noch lange nach der Lektüre zum Nachdenken (und Recherchieren!) anregt.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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