LITERATUR

Der Herzschlag Berlins

Berlin Heartbeats 1

Berlin, Berlin, meine Liebe. So viele Menschen schwärmen vom Bobo-Hipster-Start-up-Zentrum Deutschlands. Damit Berlin Berlin werden konnte, hat aber einiges passieren müssen. Viel kreative Arbeit, viel Stadtentwicklung und vor allem viele persönliche Geschichten, damit Menschen die Stadt nach dem Mauerfall zu dem machen konnten, was sie heute ist.

Genau solche Geschichten haben Anke Fesel und Chris Keller in Berlin Heartbeats gesammelt. Insgesamt zehn Künstler erzählen darin, wie Berlin Berlin geworden ist. Genauer gesagt, wie die Kunstszene entstanden ist, was die gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Mauerfall waren und was der Geist Berlins damals war. Klingt komisch und verallgemeinernd, funktioniert aber ziemlich gut. Aufgelockert wird das ganze durch acht Fotostrecken, in denen einerseits Fotografen Werke aus den 80ern und 90ern zeigen und andererseits Straßenschlachten, Konzerte, Demos und Hausbesetzungen gezeigt werden. Das Bild, das so von Berlin entsteht ist eines von heimlich ausgelebter künstlerischer Freiheit, von einem Machtvakuum nach dem Mauerfall und daraus entstehenden unbeschränkten Möglichkeiten.

Das besondere Gesamtbild wird vor allem durch die persönlichen Hintergründe zusammengetragen. Klaus Biesenbach, der Direktor des MoMa PS 1 in New York, erzählt beispielsweise wie die Berlin Biennale entstanden ist. Wichtig waren dabei die einzelnen Personen, Zusammentreffen und das gemeinsame Entwickeln von Ideen. Alltägliches aus heutiger Sicht, aber gleichzeitig entsteht beim Lesen das Gefühl, dass das damals etwas komplett Neues war.

Egal ob Künstler, Fotografen oder Musiker erzählen, in den 70ern und 80ern ist vor allem in Ostberlin ein experimenteller Geist entstanden. Trotz der Auflagen war im Untergrund alles möglich, Galerien und Konzerte wurden einfach in Wohnzimmer verlegt. Teilweise war das aber nicht einmal nötig. Christian Lorenz, der Keyboarder, erzählt zum Beispiel wie Rammstein entstanden ist. Die wirkliche Geschichten beginnt wie alle anderen aber erst mit dem Mauerfall. Es ist allerdings nicht die Geschichte der Band, sondern seine und gibt so aber noch viel mehr Einblicke in seine Hintergründe und die Entwicklung zu der Zeit.

Die Erzählungen sind Erinnerungen einzelner Personen, genau deshalb können sie nicht generalisieren. Es ist auch nur eine kleine Gesellschaftsschicht. Elitär durch die künstlerische Ader, frei durch den Geist und in der (teilweise selbstgeschaffenen) privilegierten Lage das auch auszuleben. Natürlich darf deshalb nicht davon ausgegangen werden, dass ganz Berlin so war. Trotzdem ist es ein spannender Aspekt, ein Ausschnitt der Vergangenheit, der über die Erinnerungen lebendig und bildlich dargestellt wird.

Tatsächliche Illustrationen dazu liefern auch noch die Fotostrecken. Einerseits Fotos von Ausstellungen, Konzerten und Parties. Die zeigen, wie vielfältig Kultur in der DDR war, besonders aber wie frei die Gesellschaft nach dem Mauerfall war. Gleichzeitig gibt es Bildstrecken über die Polizeiarbeit dieser Zeit, über Demonstrationen am 1. Mai und Räumungen von besetzten Häusern. Zur gänzlichen Aufarbeitung gibt es dann auch noch die Fotos von der Demontage wichtiger DDR-Gebäude wie dem Palast der Republik. Nur zur Illustration wäre allerdings ein falscher Ausdruck dafür. Die unterschiedlichen Stile der Fotografen sind zwar deutlich zu erkennen, trotzdem entsteht durch den gemeinsamen Reportagestil auch bei den Bildern ein stringentes Gesamtbild. Vielleicht auch, weil alle Fotoabschnitte aus den Bildern verschiedener Fotografen gemischt sind.

Berlin Hearbeats konzentriert sich nicht auf das heutige Berlin, sondern auf die Geschichte. Die Geschichte der Stadt und der Leute, die mitgeholfen haben, sie zu dem zu machen. Seien es jetzt Künstler oder die einzelnen Demonstranten auf den Bildern. Der Schlüssel zu dem Buch ist deshalb das Gesamtbild, das durch die Zusammenstellung entsteht. Anke Fessel und Chris Keller haben es geschafft, ein Bild zu erzeugen, das tatsächlich Stimmungen und Geschichten wiedergibt.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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