LITERATUR

TddL 2017 - Ein Fest der Extremtemperaturen

Bei der Eröffnungsrede von Franzobel am Mittwochabend machte der Autor darauf aufmerksam, in den nächsten Tagen beim Klatschen in die Hände oder ins kühle Nass, nicht auf die tausenden SchriftstellerInnen zu vergessen, die auch in diesen unseren Zeiten im Gefängnis sitzen. Just als er die Welt als einen "übel riechenden Schweinetrog" bezeichnete und in diesem Zusammenhang Ingeborg Bachmanns berühmtes Zitat umformulierte zu: "In Wahrheit ist der Mensch eine Zumutung", setzte im Garten vor dem ORF-Studio ein heftiges Sommergewitter ein, das die drückende Schwüle (wie auch die Live-Übertragung fürs Public Viewing) für kurze Zeit durch lautes Donnern und lindernden Regen unterbrach. Im Blitzlicht brannten sich seine Worte über "Entertainment und Grauslichkeiten" umso intensiver ins Hirn.

Die Schwerpunkte der Diskussionen über die vorgestellten Texte variierten und die Jury setzte sich mit Fragen auseinander wie: "Was kann alles schiefgehen, wenn man über die Apokalypse schreibt?" und "Wie gehen Hunde eigentlich aufs Klo?" bis "Was ist nun Germanistik-Prosa?" Vor allem Klaus Kastberger und Meike Feßmann schienen sich nur selten über die Qualitäten eines Textes einig zu sein. Der österreichische Germanist und Literaturkritiker will in dem Text "In der Steppe" von Jörg-Uwe Albig eine "missglückte Schönheits-OP" gesehen haben, der einem "Monstrum" gleichkommt. Diesem Urteil wirft die Literaturkritikerin und Essayistin Feßmann die Konterfrage entgegen, ob ihre Kollegen denn keine Liebesgeschichte mehr erkennen, wenn sie direkt vor ihren Nasen spielt.

Die Mittagspause bildete nach Vormittagen glühender Kritik eine gute Möglichkeit, die Köpfe abzukühlen, natürlich nicht im wörtlichen Sinne, umso wichtiger war der kurze Weg zum wunderschönen Lendhafen, wo man im Schatten der Bäume bei einem Snack die Energiereserven für die Nachmittagslesungen aufladen konnte. Kontinuität war nicht nur in der Jury-Debatte ein aufgeladenes Thema – jeder Lesetag wurde prompt mit einem Regenschauer besiegelt – genug der Diskutiererei und der Gespräche, ab zum Nachsinnen, am besten dem Regen lauschend.

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Den 3sat-Preis durfte Gianna Molinari ("Loses Mappe") mit nach Hause nehmen. Juror Stefan Gmünder befand, dass sich die Autorin auf sehr gelungene Weise dem "total verminten Gelände Flüchtlingskrise" mit ihrer Geschichte des "falling man" näherte. Den Kelag-Preis heimste Eckhart Nickel mit seinem Text "Hysteria" ein, der einerseits als Dekadenz-Text im "Feiertagsgwandl" (Feßmann) bezeichnet wurde, andererseits als ausgezeichnete Ausdrucksform der "German Angst" (Wiederstein). Der von fast allen Juroren gleichermaßen hochgelobte Text "Madrigal" bescherte John Wray den Deutschlandfunk-Preis. Die immer wieder evolvierende Geschichte ließ Stefan Gmünder zu dem Urteil kommen, dass der "Autor als Spieler", der jede Karte locker aus dem Ärmel zieht, auch überfordernd auf den Leser wirken könne. Klaus Kastberger war sich aber sicher, dass dies einer der wenigen Texte sei, der "kein Achtel zu viel habe". Der Publikumspreis ging an Karin Peschka ("Wiener Kindl"), die als Erste lesen durfte. In ihrem Text geht die Gesellschaft vor die Hunde, denn nur das Wiener Kindl und die herrenlosen Hunde finden sich gemeinsam nach der Apokalypse wieder. Die Assoziationen gingen von "Dschungelbuch" bis zu "The Walking Dead", die traumatisierte Sprache und die emblemhaften Verkürzungen überzeugten das Lesepublikum.

Im Siegertext des Bachmannpreises sah Gmünder ein gelungenes Aufeinandertreffen von Hitze und Kälte, der laut Sandra Kegel den perfekten Leser verlangt und, so Klaus Kastberger, um uns alle geht. Ein passenderes Plädoyer finde ich für die Tage der deutschsprachigen Literatur nicht.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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