LITERATUR

Fünf Menschen und die Bücher, die sie lieben

buch01Wir alle haben solche Bücher. Die wir erst einmal lesen, erstaunt, atemlos, ungläubig, und dann immer wieder, bis die Ecken eingeknickt sind und der Umschlag etwas mitgenommen. Die sich einnisten, in unseren Bücherregalen, in unseren Köpfen. Bücher, die wir immer wieder zur Hand nehmen, und die uns an der Hand nehmen, für Jahre oder Jahrzehnte.

Ja, wir haben uns ein bisschen verliebt, in die Eleganz ihrer Handlungsbögen, die Ästhetik ihrer Sprache, die Brillanz ihrer Ideen. Und wie das so ist, mit den Objekten unserer Zuneigung, möchten wir sie ganz für uns haben, und gleichzeitig ihre Namen hinausschreien ins Universum. Wir haben fünf Menschen gebeten genau das zu tun. Welches Buch ist ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Und warum hat es sie nicht mehr losgelassen?

Eine Studentin der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte, Mitte zwanzig, spaziert über einen Flohmarkt der Uni Wien. Sie mag die Bücher von Michael Köhlmeier, und deshalb kauft sie „Maramba“, das Buch seiner Tochter Paula Köhlmeier. Sie wird es im nächsten Jahr immer und immer wieder lesen, vor dem Einschlafen, „weil die Sprache so was Beruhigendes und Unaufgeregtes hat“. Paula ist im Alter von 21 Jahren tragisch verunglückt. Ihre Eltern veröffentlichten posthum ihre fragmentarischen Beobachtungen. Die junge Autorin zeichnet „beginnende Beziehungen, abgründiger Verhältnisse und phantastische Träume mit einer Sprache, der man kein Wort hinzufügen oder wegnehmen könnte“. Das klingt dann so: „Ich habe vor drei Jahren geheiratet. Einen Mann mit großen Händen und richtigen Gedanken. Richtige Gedanken passen in eine Schublade. Die Schublade sieht von außen wie von innen ordentlich aus. Sein Kopf ist nach Bereichen sortiert: Arbeit, keine Arbeit, Frau. Nie verirrt sich ein Gedanke in einen falschen Bereich. Das ist natürlich eine Übertreibung. Ich übertreibe immer und automatisch. Das sagen mein Mann, mein Arzt und ich“ (© Zsolnay, 2005).

Dann ist da ein Universitätsprofessor, 57, der einen Abstecher in die nächste Buchhandlung macht. Vom Regal nimmt er Konrad Paul LiessmannsGeisterstunde“, weil er „ein Fan von Liessmann“ ist. In dem Buch erläutert der österreichische Philosoph kritisch die gesellschaftlichen Ideen von Bildung und Wissen. Er plädiert für die Macht der Sprache, Zuhörern „eigene geistige Erkenntnisprozesse zu eröffnen“. Er schreibt auch über die schwierige Beziehung zwischen Bildung und Glück: „Die Vorsicht, Skepsis und Bescheidenheit eines (…) Gebildeten würde ihn in einer Welt der gnadenlosen Selbstdarsteller und zutiefst Überzeugten zu einer einsamen und verunsicherten Figur machen. Glück sieht anders aus" (© Zsolnay, 2014).

Ein junger Student der Psychologie und Kunstgeschichte, 23 Jahre alt, schlendert durch die Linzer Innenstadt, bis sein Blick hängen bleibt an einem Buchcover in einem Schaufenster. Er erinnert sich an die Empfehlung eines Freundes. Das Werk heißt „Komm, süßer Tod“ und ist der wohl bekannteste Roman des Krimi-Autors Wolf Haas, über die erbitterte Rivalität zweier Rettungsvereine. Der junge Student ist fasziniert von den so klar und humorvoll gezeichneten Protagonisten, der eindringlichen Darstellung menschlicher Begierden, der Wortgewandtheit und Ausdruckskraft: „Aber wie der Ettore seine tote Katze entdeckt hat, ist die Rettung schon längst über alle Berge gewesen. Die ist mit einem Tempo die Pötzleinsdorfer Straße hinuntergerauscht, dass man von Glück reden muß, dass die schwarze Ningnong das einzige Opfer geblieben ist (…). Ich weiß jetzt nur nicht, ob das mehr Unglück bringt oder weniger, wenn du die schwarze Katze totfährst, die dir über den Weg läuft“ (© Rowohlt, 2000).

Auf dem Weg zu einer Dienstreise entdeckt eine 38-jährige Kunst-Uni-Absolventin, nun Angestellte, das Buch in einem Geschäft. „Ich hatte mich nie recht über Bernhard drübergetraut, aber der dünne Band schien überschaubar“. Es handelt sich um „Meine Preise“, eine Sammlung von Essays des unübertroffenen Enfant Terrible der österreichischen Literaturszene, Thomas Bernhard. Unmittelbar versinkt die Kunst-Absolventin in seiner köstlich-bösartigen Sprache. Er beschreibt seine Erfahrungen mit dem Konflikt zwischen Kunst und Kulturpolitik, Integrität und Finanzierung: „Er schüttelte mir die Hand und gab mir eine sogenannte Verleihungsurkunde, deren Geschmacklosigkeit wie die aller anderen Preisurkunden, die ich jemals bekommen habe, unübertrefflich war“ (© Suhrkamp, 2010).

Ein 16-jähriger Schüler hat sich die Empfehlung seiner Deutschlehrerin zu Herzen genommen, und „Die Physiker“ des Schweizers Friedrich Dürrenmatt gelesen. Den Schüler beeindruckt, mit welcher Natürlichkeit die Schicksale der drei Protagonisten ineinanderfließen. Das Drama spielt in einer psychiatrischen Klinik und handelt von drei dort lebenden Physikern, die über die Gefahren wissenschaftlicher Erfindungen debattieren: „Wir haben uns vorgekämpft, nun folgt uns niemand nach, wir sind ins Leere gestossen. Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich" (© Diogenes, 1998).

Fünf Menschen und die Bücher, die ihnen in Erinnerung geblieben sind. Was ist deines?

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„Maramba“ von Paula Köhlmeier
Zsolnay-Verlag, 2005
„Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“ von Konrad Paul Liessmann
Zsolnay Verlag, 2014
„Komm, süßer Tod (Privatdetektiv Brenner, Band 3)“ von Wolf Haas
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2000
„Meine Preise“ von Thomas Bernhard
Suhrkamp Verlag, 2010
„Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten“ von Friedrich Dürrenmatt
Diogenes Verlag, 1998

 

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