LITERATUR

Ein Körperrelikt, das durch Mark und Bein geht

mittmansgruber01Kennt ihr Filme, die man nach erstmaligem Ansehen sofort wieder von vorne beginnen möchte? Mir fallen dazu gerade Streifen wie „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ oder „Donnie Darko“ ein, die ich ohne Trailer und ohne mich vorher in den Inhalt einzulesen, gesehen habe. Da ließ ich mich von der ersten bis zur letzten Minute unvoreingenommen fesseln, überraschen und am Schluss nochmal in meinen Grundfesten erschüttern. So in etwa ging es mir bei der Lektüre von Markus Mittmansgrubers Debütroman „Verwüstung der Zellen“, welcher mit einer Wortgewalt eine „körper-maschine“ antreibt, die den Leser auf spannende und beunruhigende Weise packt und nicht mehr loslässt.

Der Sohn, der Vater, die Mutter. Ein von Geheimnissen gespicktes Aufwachsen, das sich in den Körper der Hauptfigur festgesetzt hat wie ein Virus, der so lange schlummert, bis er getriggert wird durch das Außen, die Umstände, durch rätselhafte Codes und Begegnungen, die Krankheit des Vaters, die mit der plötzlichen Befreiung der Mutter einhergeht. Beim Sohn wird regelmäßig die ANGST freigesetzt, die den Geist verwirrt, den Körper belastet, die Möglichkeiten einschränkt. Verschiedenste Medikamente helfen nicht gegen das Gefühl, im eigenen Körper gefangen zu sein sowie in der misslichen Lage, die vom körperlichen und geistigen Zerfall seines Vaters, zu dem er – wie zu seiner Mutter – ein höchst ambivalentes Verhältnis hat, bestimmt wird. Die Zweifel am eigenen Lebensentwurf, die das junge Erwachsenenleben beschäftigen (ist das Philosophie-Studium das richtige für mich; welche Frau passt zu mir?) wirken neben den irritierenden Familienverhältnissen fast ameisenhaft.

In dem Roman wird die Ebene des Erlebbaren immer wieder von einer massiven Wort-Walze überrollt, die einen lebendig/toten Körper („massepunkt“) durch eine genauso untote Stadt treibt. Die vom Gore und Zombiefilm geprägten Passagen erinnern im ersten Moment an „The Walking Dead“ oder „The Upside Down“ aus „Stranger Things“, die alternative dunkle Realität, die der menschlichen Welt in ihrem Äußeren ähnelt, jedoch von blutrünstigen Kreaturen beherrscht wird. Besonders spannend ist die Perspektive dieses „massepunkts“, der nur noch Triebe kennt, die mit dem Menschsein nichts mehr zu tun haben; Einverleiben heißt da die Devise, alles andere und sich selbst. Der Körper in all seiner organischen Leibhaftigkeit wird zelebriert – schon im Eingangszitat von Nietzsche heißt es: „Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verächter des Leibes!“

Obwohl es für meinen Geschmack eher selten aufgeht, einen Roman mit Symbolen und typografischen Effekten zu spicken, ließ ich mich bei der Lektüre von „Verwüstung der Zellen“ vom Gegenteil überzeugen, da sich mir die Berechtigung jedes Sonderzeichens erschließt und sich in den Lesefluss homogen einfügt. Auf diese Weise gewinnt der Text zusätzlich an Vielschichtigkeit.

An manchen Stellen überfordert einen die Masse an Information, der man entgegentritt und man erwischt sich immer öfter bei der Suche auf Google (was an sich nichts Schlechtes ist, es lebe die Recherche!), jedoch fühlt sich das in Verbindung mit erwähnter Wort-Walze – wie es Bachmanntage-Juror Klaus Kastberger heuer in einem Statement salopp beschrieben hat – manchmal nach „einem Achtel zu viel“ an. Dazu zählen freilich nicht Sätze wie: „die dunkelheit dunkelt nicht, sie dunkelt nicht nach, sie knistert nicht und wächst nicht und lässt in sich nichts weiter zu als sich selbst und den körper.“

Markus Mittmansgruber hat mit seinem Debütroman über einen jungen Mann, der sich seiner Lebensgeschichte auf schmerzliche Weise bewusst wird, eine Darstellung von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Körpers geschaffen, der von Geist getragen, durchdrungen und niemals wirklich verlassen wird und welcher nicht nur Zombie-Liebhabern und Nietzsche-Fans in seinen Bann zieht.

Markus Mittmansgruber: Verwüstung der Zellen. Erschienen im Luftschacht Verlag.

 

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