LITERATUR

Damals wie heute

damalswieheute01„Der Gang vor die Hunde“ erschien 1931 unter dem Titel „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“. Der Verlag (Deutsche Verlags-Anstalt) kürzte von sich aus die ‘Urfassung’, um das Zielpublikum nicht von vornherein vor den Kopf zu stoßen. Gekürzt wurden damals eine längere Textpassage über das unmoralische Verhältnis Fabians Chef mit seinen Sekretärinnen, alle sexuellen Anspielungen sowie unterschwellige kritische politische Anspielungen gegenüber dem bereits aufsteigenden Nationalsozialismus. 2013 erschien die ungekürzte Fassung im Originaltitel: „Der ursprüngliche Titel [...] lautete 'Der Gang vor die Hunde'. Damit sollte, schon auf dem Einband, deutlich werden, daß der Roman einen Zweck verfolgte. Er wollte warnen. Er wollte vor dem Abgrunde waren, dem sich Deutschland und damit Europa näherten.“1 Das Werk des Autors wurde letztlich wohl wissentlich von den Anhängerinnen des Nationalsozialismus am 10. Mai 1935 bei der Bücherverbrennung symbolisch zerstört.

Dr. Jakob Fabian ist Germanist und lebt Ende der zwanziger Jahre in Berlin. Bei seinem Vornamen rufen ihn nur die wenigsten Personen (z. B. seine Mutter). Dadurch entsteht eine gewisse Distanz zur Hauptperson. Fabian ist intelligent, seinem Chef zu intelligent und zu geistreich. So weit, so gut. Die Großstadt Berlin wirkt wie heute: offen ausgelebte Sexualität (Homosexualität, Transsexualität, verschwimmende Definitionen von Geschlecht), ein wildes Nachtleben, das die Charaktere antreibt, eine breite Künstlerszene, die sich in zwielichtigen Bars vereint, kaufbare Liebe und im Endeffekt das bleibende Gefühl, dass man doch seinen eigenen Weg gehen muss; sich beweisen und es den anderen zeigen, nicht auf der Strecke bleiben.

Der Leser / die Leserin darf Fabian beobachten bei seinem Leben als „Gutmensch“ (wie er in den heutigen Medien bezeichnet werden würde und diese Betitelung eher negativ als positiv aufgefasst werden würde): Er hilft einem obdachlosen Mann und lässt ihn bei sich übernachten, er hilft einem stehlenden 10-jährigen Mädchen aus der Patsche, er hilft seinem besten Freund bei der Bewältigung von Liebeskummer, und Fabian geht an seinem Helfersyndrom zugrunde. Er handelt moralisch richtig und wird dafür ‘bestraft’. Zumindest fühlt es sich so an.

Beim Lesen wird man das Gefühl nicht los, dass Erich Kästner über unsere heutige Generation schreibt, die im Blätterwald der Medien zigfach beschrieben und zerpflückt worden ist (Generation Y), um sie zu erörtern und sie zu verstehen. Kästner hat es anscheinend vor etwa 100 Jahren mit seiner nüchternen und schnörkellosen Sprache gewusst.

Wer das Buch liest, was ich nur empfehlen kann und deswegen hier bei 35 Grad sitze und diesen Text schreibe, kaufe sich unbedingt die von Sven Hanuschek herausgegebene Ausgabe. Das Nachwort (im Grunde insgesamt drei Nachwörter) des Autors bestätigt die entstandenen Gefühle des Unwohlseines während des Lesens: Angst und Depression, Einsamkeit und Verlorenheit, Verlust und Enttäuschung in einer schnelllebigen Großstadt, die das Individuum irgendwie nicht mitkommen lassen will. Der Roman agiert nach dem einfachen Prinzip ‘schlimmer geht’s immer’ und zeigt die Hauptperson dabei, wie sie trotz allem Schlechtem und Negativem in seinem und dem Leben anderer, versucht richtig zu handeln, für sich selbst und im Endeffekt auch für seine Umwelt. Um am Ende doch zu scheitern.


1 Erich Kästner: Der Gang vor die Hunde. Sven Hanuschek (Hg.). Zürich 20172, S. 239–240.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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