LITERATUR

Hauptsache erträgliches Sein

KunderaKundera beschreibt darin theoretisch ein Liebesdreieck, tatsächlich ist es aber eher eine philosophische Abhandlung über das Leben und den Umgang damit. Sein Heimatland Tschechien bildet die Bühne, der Eiserne Vorhang und das kommunistische Regime prägen den Alltag. Also, ab dem Prager Frühling, der fällt nämlich in die Anfangszeit der Beziehung zwischen Tomas und Teresa. Die Namensreihung ist nicht zufällig, für Kundera ist Tomas die Hauptperson.

Ein bisschen verständlich ist das auch. Einerseits gibt es ja das schöne Klischee von Autoren, die sich eher mit dem eigenen Geschlecht identifizieren und deshalb eher Rollen des eigenen Klischees mit Tiefgang versehen. Das ist zwar nicht der Fall, denn Teresa und auch Sabina – auf die später noch eingegangen wird – leben in der Geschichte tiefgehend mit all ihren Hoffnungen, Träumen und Zweifeln. Tomas ist trotzdem irgendwie mehr die Hauptperson, seine Gedankengänge, sein Leben zwischen Frauen, zwischen Jobs und zwischen den Welten innerhalb und außerhalb des Kommunismus sind ein bisschen dominanter als die von Teresa und Sabrina. Tatsächlich bekommt aber jeder seinen eigenen Teil, allerdings nicht als stringente Geschichte.

Stattdessen wechselt Kundera zwischen Tomas', Teresas und Sabinas Leben. Sabina ist übrigens Künstlerin und nennen wir sie Tomas' Lieblingsgeliebte. Sie ist ein Konterpart zu Teresas Mädchenhaftigkeit, ihrer Anhänglichkeit und ist die Personifikation einer selbstständigen Frau in den 60ern. Trotzdem wird sie verfolgt von ihren Wünschen und Sehnsüchten – eindimensional ist keiner von Kunderas Charakteren.

Vielleicht benötigt er auch genau deshalb die eingeschobenen Ausflüge in den Bereich der Philosophie. Die sind aber nicht halb so trocken, wie man sich das vorstellt. Keine Zitate von Kant, von griechischen Ansätzen, kein Wittgenstein oder sonst wer. Kundera widmet sich der menschlichen Psyche auf einer direkten emotionalen Ebene, setzt bei Tomas, Teresa, Sabina und allen anderen Charakteren an und leitet aus ihren Situationen Überlegungen ab. Überlegungen, die Gefühle und Gedanken in Kontext setzen, die Alltagssituationen einfangen und die das eigene Leben deshalb leichter erscheinen lassen. Schließlich geht es ja um die Leichtigkeit des Seins. Das unerträgliche daran ist lediglich situationsgebunden: wenn alles gut ist, aber irgendwo im Hinterkopf Zweifel daran sind. Wenn eine Beziehung – wie zwischen Tomas und Teresa – über die größten Strecken gut verläuft und trotzdem Verlustängste und Alpträume dominieren. Oder, wenn das Leben einfach kurzzeitig zu groß und deshalb unerträglich ist. Auch dann schafft Kundera es mit dem Roman ein bisschen Perspektive hinein zu bringen.

Tomas und Teresa könnten die perfekte Beziehung führen, wenn sie nicht Menschen wären. Kundera geht dabei nicht über das normale hinaus, eigentlich gibt es wenig Spektakuläres. Die beiden sind typisch in ihren Rollenbildern, typisch in ihren Ängsten und Hoffnungen. Manchmal vielleicht ein bisschen zu typisch, andererseits waren Rollenbilder Anfang der 80er noch strikter getrennt, also könnte darin die Erklärung liegen.

Kundera schaffte es mit der unerträglichen Leichtigkeit des Seins eine philosophisch-psychologische Abhandlung und gleichzeitig einen lebendigen Roman zu schreiben. Einen Roman, der manchmal ein Anker sein kann und wieder auf das Schöne hinweist. Genau das macht Romane zu Beiträgen der Literatur, die sich hält.

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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