LITERATUR

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia

romeooderjulia01Gerhard Falkner ist etwas Außergewöhnliches gelungen. Nach seinem im vergangenen Jahr erschienenen und gefeierten Roman "Apollokalypse" hat er nun mit "Romeo oder Julia" ein weiteres Glanzstück abgeliefert. Lange etabliert als einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der Gegenwart, beweist Falkner erneut Einfallsreichtum und enormes erzählerisches Feingefühl.

Alles beginnt mit einem mehr als seltsamen Vorfall in einem Innsbrucker Hotelzimmer, dessen Auflösung den Ich-Erzähler, einen verhältnismäßig erfolgreichen Schriftsteller mittleren Alters, durch die restliche Geschichte und die drei zentralen Schauplätze Innsbruck, Moskau und Madrid treibt. Bereits in der Exposition entfaltet der Roman eine enorme Anziehungskraft, vor allem auch wegen des eigenwilligen Protagonisten. Kurt Prinzhorn ist ziemlich unsympathisch und überaus faszinierend, eine aus dem Alltag gemeinhin bekannte Mischung aus Chauvinist und Charmeur, ein kluger Beobachter mit feinem Wortwitz, dessen Psyche inklusive wilder Träume bis hin zur Paranoia zur Bühne eines teilweise surrealen Schauspiels wird. Über den Weg dieses einnehmenden Erzählers schafft Falkner es universelle Gefühlszustände mit beneidenswerter Klarheit auf den Punkt zu bringen.

Ohne Zweifel, Falkner kann Charaktere. Mit Leichtigkeit porträtiert er schwer zu beeindruckende Innsbrucker Polizeibeamte und resolute russische Kellnerinnen. Besonders pointiert und unterhaltsam sind auch die Einblicke in die Literaturszene, ihre Mitglieder und deren weniger glamouröse Facetten: Selbstdarstellung und -überschätzung, Geltungsdrang, angestrengte und anstrengende Kompensationsversuche für Misserfolge und die daraus erwachsene Missgunst, und nicht zuletzt den Hang zum übermäßigen Alkoholkonsum.

In wenigen Sätzen erweckt Falkner den aufdringlich-heuchlerischen jungen Autor Anton Jurcic zum Leben, das Stereotyp eines nervigen Dummschwätzers, der "mit dem forcierten Charme seiner jungen und jugendlichen Erscheinung insbesondere die gefühlshungrigen Deutschen, und da wiederum besonders die von erotisch-kulturellen Sehnsüchten bewegten Frauen mittlerer Reife, um den Finger wickelte". Leider kommt in dieser gelungenen Charakterisierung auch das einzige Manko des Romans zum Ausdruck: die weiblichen Figuren.

Frauen sind in "Romeo oder Julia" oft Projektionsfläche für den zum Narzissmus tendierenden Protagonisten und seine Mitstreiter. Die Reduktion auf das äußere Erscheinungsbild, mit Fokus auf Oberweite und Rocklänge, mag der male-gaze-lastigen Wahrnehmung des Ich-Erzählers entsprechen, nervt aber trotzdem irgendwann.

Da ist zum Beispiel eine kluge, gebildete Karrierefrau, geplagt von einem pathologischen Putzzwang und genereller existenzieller Leere, deren tristes Dasein ihren scheinbar einzigen jährlichen Höhepunkt in einem erotischen Wochenende mit dem Protagonisten findet. Da ist auch eine hilflose Literatin, die zwar hie und da zu den durchaus interessanten Konversationen ihrer männlichen Kollegen beitragen darf, aber schlussendlich vorrangig deshalb in Erinnerung bleibt, weil sie von einem ebendieser heldenhaft vor den Tritten eines intoxikierten Russen gerettet wird. Und schlussendlich ist da die "Madwoman in the Attic". Müssen Romane politisch korrekt sein? Um Himmels Willen nein. Hätte eine starke Frauenfigur der Geschichte geschadet? Vermutlich nicht.

Falkners Ton ist schlicht, und schlicht unwiderstehlich. Einprägsame Ortsprofile, ein bedachter aber stetig beschleunigender Erzählrhythmus, feine Ironie und der organische Einsatz von Symbolen und Metaphern machen die Lektüre zu einem außerordentlichen Genuss.

Obwohl die Julia nicht besonders gut wegkommt, ist "Romeo oder Julia" eine unterhaltsame, kluge und überaus gelungene Studie über Fehler, die lange Schatten werfen.


"Romeo oder Julia"
Gerhard Falkner
berlin Verlag 2017

 

Wien. Mehr Kultur.
Mehr Stadt. Mehr etc.

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